Offen sein, aber nicht um jeden Preis

⁠Weiter geht‘s dem neuen dressursport.kim-Format: Darf ich mal fragen? Wie zukunftsfähig sind wir mit unseren Prüfungsformaten in der Dressur? Mit einer Antwort von Isabell Werth…

Darf ich mal fragen? Frage 2 kommt von Anna. Die achtmalige Olympiasiegerin Isabell Werth ist die Expertin, die die Frage beantwortet hat. Ich habe Isabell gefragt, weil sie längst nicht ‚nur‘ reitet, sondern beispielsweise auch Präsidentin des IDRC (Int. Dressage Riders Club) ist und sich mit dem Dressursport weit über den Viereckrand hinaus beschäftigt.

(Wer weitere Infos zu dem neuen Format bei dressursport.kim sucht – HIER).

Darf ich mal fragen? Frage 3:

Wie zukunftsfähig sind wir mit unseren Prüfungsformaten in der Dressur? Immer mehr Sponsoren wandern in teure Serien des Springsports ab. Der Springsport scheint sich mit neuen Prüfungsformaten und Serien leichter zu tun und gewinnt, meiner Meinung nach, mehr Aufmerksamkeit, weil das Entertainment eher gegeben ist. Wie schätzen das Experten ein?

Und hier ist die Antwort von Expertin Isabell Werth:

Ich beginne mal mit einem Rückblick auf die WM in Aachen. Unser Kür-Finale war die attraktivste Prüfung bei der WM in Aachen. Die, die zuerst ausverkauft war und die großartigste Stimmung hatte. Wir erleben bei den großen Weltcup-Veranstaltungen regelmäßig volle Häuser – ob in Stuttgart, Neumünster, ’s-Hertogenbosch, Amsterdam, Herning oder an anderen Standorten. Ich glaube, die Kür können und dürfen wir nicht ändern.

Müssen wir wirklich das Format verändern? Ich wüsste nicht, wie eine andere Prüfungsform aussehen sollte, die dem Pferd, dem Sport, der Gesamtsituation sowie den Anforderungen an Objektivität und Fairness besser gerecht würde. Der Grand Prix als Qualifikationsprüfung ist etabliert und funktioniert. Das ist genau wie bei einem Einlaufspringen. Ob wir ihn eine Minute kürzer oder länger machen, würde aus meiner Sicht keinen entscheidenden Unterschied machen.

Natürlich müssen wir trotzdem kreativ bleiben und darüber nachdenken, wie wir den Sport weiterentwickeln können. Wir führen Gespräche über die Möglichkeit, eine neue Serie zu entwickeln. Dabei brauchen wir aber nicht unbedingt neue Turniere. Vielmehr geht es darum, bestehende Strukturen sinnvoll weiterzuentwickeln. Mit dem Top-12-Finale haben wir beispielsweise bereits eine hochdotierte Prüfung geschaffen, die für den Dressursport eine interessante Ergänzung darstellt.

Allerdings zeigt gerade dieses Beispiel, wie komplex die Situation im Dressursport ist. Auch beim Top-12-Finale kämpfen wir darum, die besten Reiterinnen und Reiter zusammenzubekommen. Manche haben parallel einen Weltcup, andere planen bewusst eine Pause für ihre Pferde, wieder andere müssen aufgrund von Verletzungen verzichten. Die wenigsten Topreiter haben zwei oder gar drei Grand-Prix-Pferde zur Verfügung, die sie dauerhaft auf höchstem Niveau einsetzen können. Das hat mit dem Format selbst wenig zu tun, sondern mit dem Eigenleben und den besonderen Rahmenbedingungen unseres Sports. Und zwar nicht, weil die Menschen komplizierter sind, sondern weil das ganze System komplizierter ist. Der Springsport ist viel schnelllebiger. Die Topreiter verfügen häufig über mehrere Grand-Prix-Pferde, können mit ihnen durch die Welt reisen und sich natürlich auch anders durch ihren Sport finanzieren. Das ist ein Kreislauf, ein Hamsterrad, in dem man sich bewegt.

Die Springreiter haben mit ihren Serien ja nicht die Formate geändert, außer dass sie eine Teamprüfung reingenommen haben, was am Ende des Tages auch das Eintrittsgeld ist. Wir dürfen nicht vergessen: Die Serie finanziert sich, weil viele Leute in das Team einzahlen. Das gibt es bei uns nicht und wir sind natürlich auch bemüht, so etwas zu kreieren. Und wir haben ja zumindest mal mit dem Top-12-Finale jetzt etwas, was super dotiert ist für uns.

Wir sollten deshalb genau hinschauen, bevor wir aus vermeintlichen Zuschauerproblemen heraus neue Formate erfinden. Die Gefahr besteht darin, irgendwelche wilden Geschichten auszudenken, nur um etwas Neues zu präsentieren – beispielsweise Prüfungen zu verkürzen, bestimmte Bestandteile wegzulassen oder spektakulärere Elemente einzubauen. Das darf aber nicht zulasten des Sports und vor allem nicht zulasten des Pferdes gehen.

Was wollen wir eigentlich verändern? Die großen Dressurveranstaltungen zeigen, dass das Publikum da ist. Wenn die Häuser voll sind und die Zuschauer den Grand Prix, den Special und die Kür annehmen, gibt es keinen Grund, aus reiner Selbstzweckhaftigkeit alles infrage zu stellen.

Wir sollten durchaus offen für neue Ideen sein, aber nicht um jeden Preis. Entscheidend muss sein, dass eine Weiterentwicklung dem Pferd, der sportlichen Qualität, der Vergleichbarkeit und der Fairness dient. Eine neue Prüfungsform nur deshalb zu schaffen, weil sie vermeintlich mehr Zuschauer anlockt, wäre aus meiner Sicht der falsche Ansatz.

Das war die dritte Frage in dem Format: dressursport.kim – Darf ich mal fragen? Frage 1 galt den Richterpositionen – HIER, Frage 2 dem Zügel-aus-derHand-kauen-lassen im Grand Prix – HIER. Frage 4 ist in Arbeit…

Wer noch eine konstruktive Frage hat – immer gerne an: kim@kim-kreling.de