Einhändiges Reiten im Grand Prix?

Weiter geht‘s mit meinem neuen Format: Darf ich mal fragen? Die Rückmeldungen sind großartig, die Gedanken und das Feedback äußerst spannend. Ein großes Dankeschön an alle eifrigen „Frager“, an die Experten und alle, die sich so wertschätzend, interessiert und konstruktiv an unseren dressursportlichen Diskussionen beteiligen. Gerne weiter so!

Darf ich mal fragen? Frage 4 kommt von Manuela Steiner, Thies Kaspareit, Leiter Ausbildung bei Pferdesport Deutschland, ist der Experte, der die Frage beantwortet hat.

(Wer weitere Infos zu dem neuen Format bei dressursport.kim sucht – HIER. Alle bisher besprochenen Fragen finden Sie – HIER)

Frage 4 von Manuela Steiner:

Von Reitern wie Jessica von Bredow-Werndl oder Ingrid Klimke kommt in Podcasts oder Videos oft der Hinweis, dass eine Kontrolle dafür, ob das Pferd reell an den Hilfen steht, das einhändige Reiten ist. Warum findet sich das einhändige Reiten bei Prüfungsanforderungen fürs RA 8, wenn Hütchen transportiert werden, aber nicht in einer Grand Prix-Prüfung? Was steckt da dahinter – die Sicherheit der Reiter? 

Und hier ist die Antwort von Experte Thies Kaspareit, Leiter Ausbildung bei Pferdesport Deutschland:

Es gab schon vor einigen Jahren prominente Vertreter aus der Ausbildungsszene, die sehr dafür geworben, das einhändige Reiten in die Dressur-Aufgaben zu integrieren. Dabei ging es gar nicht unbedingt um höhere Dressurprüfungen, sondern überhaupt das Aufnehmen in Dressurprüfungen.

Wenn das Pferd eine reelle Anlehnung hat, sich vom Gebiss abstößt und ehrlich durchs Genick geht, dann kann man jederzeit die Zügel in eine Hand nehmen oder mit zwei Händen überstreichen. Die Anlehnung und die Selbsthaltung wird schön konstant bleiben, weil das Pferd reell geritten ist, der Reiter das Pferd vor sich an den Hilfen hat und eine leichte Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul besteht. Wenn sich der Reiter aber „durchschummelt“ und rechts, links mit den Händen oder Fingern spielt, damit das Pferd bei ihm bleibt, dann funktioniert das einhändig natürlich nicht. Deswegen ist das eine gute Überprüfung – für die Anlehnung, aber auch teilweise für die Durchlässigkeit. Wenn man das einhändige Reiten also in den Dressuraufgaben einführen und regelmäßig überprüfen würde, dann würde es mehr geübt. Was geprüft wird, wird geübt. Das ist die klassische Regel und so hätte man auch für die Ausbildung und für die Pferde etwas gewonnen. Dem kann kaum jemand widersprechen.

Trotzdem entschieden sich in allen Diskussionen bisher die Mehrheit der Experten dagegen. Aus meiner Sicht ist das nachvollziehbar. Wenn man vier Zügel in eine Hand nimmt, macht man nicht zwingend die Verbindung zum Pferdemaul leichter, die Verbindung wird lediglich ruhiger. Das bringt mit Blick auf die aktuelle Thematik nicht viel, dass man zu noch harmonischerem Reiten mit noch weniger Spannung und Druck führen möchte. Diesbezüglich ist das jetzt eingeführte Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen eine noch klarere Abfrage des Vertrauens zwischen Reiterhand und Pferdemaul. Das einhändige Reiten ist eher eine reiterliche Abfrage und Überprüfung, ob man auf dem richtigen Weg ist und ob man sich nicht selbst „betrügt“. Deswegen wäre das einhändige Reiten aus meiner Sicht eher für eine Dressurreiterprüfung geeignet, weil es in diesen Prüfungen darum geht, die reiterliche Entwicklung zu überprüfen und zu bewerten.

Zusammenfassend betrachtet: Das einhändige Reiten zielt mehr auf die Überprüfung des Reiters ab, das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen und das Überstreichen mehr auf die Überprüfung der Dehnungsbereitschaft des Pferdes bzw. der Selbsthaltung.

Zu der Anmerkung zum Reitabzeichen 8 ist zu sagen, dass es hier tatsächlich noch nicht um diese Details der Reitlehre geht, sondern um die Geschicklichkeit und das Gleichgewicht der lernenden Reiter.

Wenn man sich diese Gedanken durch den Kopf gehen lässt, ist das neu eingeführte Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen oder das Überstreichen im Grand Prix-Sport zielführender und sinnvoller als das Reiten mit einhändiger Zügelführung.