“Ich suche nicht eine Sorte oder eine Kopie”
Was Isabell Werth viel toller findet, als in Aachen ihre achte WM zu reiten. Der Athlet, der Geniale, der Zauderer – und Wendy? Und welche sehr spezielle ‘Anordnung’ Pflegerin Steffi Wiegard bekommen hat…
Foto oben: © www.sportfotos-lafrentz.de
Das dressursport.kim-WM-Gespräch mit Isabell Werth…
Das IW-Gespräch ist das letzte in unserer Reihe dressursport.kim WM-Gespräche – bereits veröffentlicht haben wir Katharina Hemmer (HIER), Frederic Wandres (HIER) und Raphael Netz (HIER).
dressursport.kim: Der Grand Prix Special von Dir und Satchmo bei der WM in Aachen 2006 war ein Dressursport-Moment, der für alle, die ihn erleben durften, bis heute nichts an seiner Genialität verloren hat. Woran denkst Du zuerst, wenn Du Dich an die Aachen-WM 2026 erinnerst?
Isabell Werth: Das Allererste, woran ich mich erinnere, ist, dass wir im Trainingslager bei Nadine Cappellmann waren. Ich ritt Hannes (Warum Nicht) und er war auf einmal nicht in Ordnung. Hannes hatte nichts Dramatisches, aber es war klar, dass er nicht gehen konnte – so entstand der Wechsel zu Satchmo. Der nächste Gedanke ist, dass Satchmo super in Schuss war und ich mich wahnsinnig gefreut habe. Wir sind nach Aachen auf den Platz gefahren, ich bin über den Rasen des Abreiteplatzes Springen gelaufen, um in den Eingangsbereich des Stadions zu gehen, und habe mich von diesem gewaltigen Eindruck fangen lassen. Und dann? Ja, dann bin ich geritten und habe mich unglaublich wohl und sicher gefühlt. Alle haben natürlich erwartet, dass Satchmo vielleicht ‚back to the roots‘ irgendwo in die falsche Richtung geht, aber ich war so sicher verbunden mit diesem Pferd, dass das für mich überhaupt keine Option war.

Isabell Werth und ihr Weltmeister Satchmo
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dressursport.kim: Das ist gewaltig. Wie ging’s weiter?
Isabell Werth: Ich spüre wirklich auch heute noch die Atmosphäre. Ich habe abgeritten und Graf Landsberg hielt währenddessen eine flammende Rede auf der Ehrentribüne. Es waren die letzten Minuten vor meinem Start und ich wollte unbedingt da rein. Ich weiß noch, dass ich dachte: Bitte fasse Dich kurz. Dann war er mit seiner Rede fertig, ich konnte einreiten und ab da war ich in meiner Bubble. Während der Prüfung, während des Specials hörte ich die ganze Zeit im Stadion das Raunen ‚ah, oh, ja‘ – das werde ich nie vergessen. Das war schon sehr sehr speziell.
dressursport.kim: War das einer Deiner perfektesten Ritte überhaupt?
Isabell Werth: Zu dem Zeitpunkt sicher. Man muss diese Perfektion zu dem Zeitpunkt, was gerade gefragt, was gerade möglich war, immer in Zusammenhang und Relation setzen. Das war sicherlich zu diesem Moment in der Stimmung für mich perfekt – ja. Das ist genauso wie mit Gigolo zu seiner Zeit, wie mit Weingart zu einer Zeit, Fabienne, Weihegold oder jedem anderen Pferd – für mich ist es immer projiziert auf das jeweilige Pferd und auf den Moment.
Du kannst immer diskutieren: Da hätte ich noch das oder das machen können. Aber für diesen Moment, in dieser Atmosphäre, mit diesem Vorlauf, in dieser Spannung, in diesem Stadion mit damals noch 40.000 Leuten – heute sind es noch 35.000, weil die Stehplätze nicht mehr erlaubt sind – das war außergewöhnlich.
dressursport.kim: Wendy wird das sechste Pferd, mit dem Du in ein WM-Viereck reitest, nach Gigolo (1994 und 1998), Satchmo (2006), Hannes (2010), Bella Rose (2014 und 2018) und Quantaz (2022). Das ist schon eine wirklich bunte Mischung von Pferdetypen…
Isabell Werth: (lacht) Unterschiedlicher könnten sie in der Tat kaum sein.
dressursport.kim: Wie würdest Du Deine unterschiedlichen WM-Partner mit einem Schlagwort jeweils beschreiben?
Isabell Werth: Gigolo, der Athlet. Satchmo, der Geniale. Mit Satchmo war das manchmal schon ein sehr schmaler Grat. Quantaz, der Macho – vor allen Dingen zu der WM-Zeit in Herning. Bei der letzten Sichtung in Kronberg ist er noch mal richtig ausgestiegen. Ich habe damals zu Monica (Theodorescu) gesagt: ‚Also, wenn Du einen anderen hast, nimmst Du vielleicht lieber den mit?‘ Aber sie sagte, keine Chance. Da mussten Quantaz und ich zusammen zaubern, und das hat geklappt. Hannes, der Zauderer. Hannes hat wirklich hinter jedem Blumentopf ein Schlossgespenst gesehen. Ich weiß noch, dass jemand seinen Hut in die Menge geworfen hat als Hannes und ich in Kentucky ins WM-Viereck einritten. Da hat er schon fast wieder einen Herzinfarkt bekommen, er war wirklich spooky. Und Bella, natürlich das Herzenspferd. In Tryon hat sich 2018 der Kreis geschlossen, da hat sie dort wieder angeknüpft, wo sie vier Jahre zuvor in Caen aufhören musste. (Anm. der Redaktion: Nach einem sehr guten Grand Prix (Platz 2) musste Bella Rose die WM 2014 abbrechen, vor Ort wurde ein Hufgeschwür diagnostiziert).

Isabell Werth und Herzenspferd Bella Rose kurz vorm Einreiten ins WM-Viereck von Tryon 2018
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dressursport.kim: Fehlt noch Deine aktuelle Nummer 1, Wendy…
Isabell Werth: Wendy ist das Musterbeispiel einer Wettkämpferin. Sie ist unglaublich ehrgeizig und voll da, wenn man sie braucht. In Aachen werden wir sehen, inwiefern sie weiter ‚gesettelt‘ ist, so wie sie es in der vergangenen Zeit gezeigt hat.
dressursport.kim: Zwischen Hagen, der letzten Sichtung, und Aachen – was macht Wendy in dieser Zeit?
Isabell Werth: Wir haben erst mal eine Woche Pause gemacht und dann standen Erhaltungsmaßnahmen auf dem Programm: Ein bisschen von allem, damit sie die Muskeln behält, damit sie drinbleibt. Sie ist ein Pferd, das im Rhythmus bleiben muss. Das hilft ihr sehr. Bald gehen wir in unser WM-Lager, unser Trainingslager. Da werden wir noch mal die letzte Formüberprüfung haben, und dann geht’s nach Aachen.
dressursport.kim: Aachen wird Deine achte WM – was bedeutet das für Dich?
Isabell Werth: Viel toller finde ich, dass ich die achte WM mit dem sechsten Pferd mache. Das finde ich cool. Diese unterschiedlichen Pferde, das ist das, was ich gut finde.
An diesen Pferden sieht man, dass ich nicht eine Sorte oder eine Kopie suche. Ich komme zu den Pferden oft, einfach weil sie mir ‚über den Weg laufen‘ und ich versuche immer, das Beste mit einem Pferd zu entwickeln. Und dann macht es mir Spaß, diese Pferde auch auf einem Championat zu präsentieren. Natürlich bin ich mit dem Wissen nach Tryon gefahren, dass Bella ein Medaillenpferd ist. Ich wusste, dass Gigolo ein Medaillenpferd ist. Ich wusste, dass Weihegold ein Medaillenpferd ist. Aber ich wusste natürlich auch, dass Quantaz kein Medaillenpferd ist, obwohl er dann tatsächlich knapp an der Bronzemedaille vorbeigerauscht ist. Und jetzt fahre ich mit Wendy in der Hoffnung auf eine Medaille nach Aachen, weil ich weiß, dass sie das Potenzial zu einer Medaille hat. Was am Ende herauskommt, wird total spannend.

Werth und Wendy in ihrem ‘Aachener Wohnzimmer’ © www.sportfotos-lafrentz.de
dressursport.kim: Es wird die zweite WM für Dich in ‚Deinem Zuhause‘, in Aachen – das ist schon sehr speziell. Wie empfindest Du das?
Isabell Werth: Ja, das ist ganz besonders. Wer 2006 erlebt hat, weiß, was einen ungefähr erwarten kann: Stimmung, Atmosphäre, Besonderheiten. Und wir alle wissen, dass Championate eigene Gesetze haben. Das kann im Positiven wie im Negativen zutreffen. Ich bin lang genug dabei und alt genug für und in dem Sport, dass ich weiß: Alles ist möglich und denkbar.

Steffi und Wendy de Fontaine
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dressursport.kim: Zum dritten Mal wird Dich Steffi (Wiegard) als Pflegerin zu einer WM begleiten. Was bedeutet es für Dich, Steffi so konstant an Deiner Seite zu haben?
Isabell Werth: Ganz wichtig! Steffi muss auch noch so lange durchhalten, wie ich es mache (lache). Steffi ist einfach eine tragende Stütze und unglaublich wichtig in meinem System, in meinem Konstrukt zusammen mit dem Pferd. Sie ist nicht wegzudenken. Wir sind wie ein altes Ehepaar. Und Madeleine (Winter-Schulze) ist aus meinem Team, aus meinem Kreis auch nicht wegzudenken. Madeleine ist Familie.
dressursport.kim: Dein Schlussgedanke Richtung WM Aachen?
Isabell Werth: Wir müssen unsere Hausaufgaben machen, ruhig bleiben und abliefern.


