“Bei aller Liebe hätte ich nicht gedacht, dass es so kommt.”
Was bedeutet die WM zu Hause nach Olympiagold in Paris? Was er jetzt noch nicht verrät? An welchem ‘Rattenschwanz’ er gerade arbeitet? Was Lars (Ligus) hat, Freddy aber nicht? Und was für ihn seine wichtigste Entwicklung in all den Jahren war…
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Das dressursport.kim-WM-Gespräch mit Frederic Wandres
dressursport.kim: Paris, Olympia, die Goldmedaille – das alles ist knapp zwei Jahre her, damals hast Du davon gesprochen, ein Lebensziel erreicht zu haben. Was bedeutet jetzt die Nominierung fürs WM-Team für Dich? Deine zweite Weltmeisterschaft?
Frederic Wandres: Ja, die olympische Medaille ist nach wie vor das Nonplusultra. Sie liegt in meinem Trophäenschrank im Wohnzimmer und ab und zu wird sie rausgeholt, wenn jemand zu Besuch ist, der sie mal fühlen oder in den Händen halten möchte.

Die olympische Goldmedaille!
© EQWO/Petra Kerschbaum
dressursport.kim: Aber Du nimmst sie nicht manchmal abends beim Krimigucken mit auf die Couch?
Frederic Wandres: (schmunzelt) Nein, das jetzt auch nicht. Sicherlich, wenn ich gerade am Staub wischen bin und laufe daran vorbei, bleibe ich manchmal stehen und dann kommen noch mal die Erinnerungen hoch. Aber ich muss sie mir nicht jeden Abend aufs Kopfkissen legen, so verrückt bin ich dann doch nicht (lacht). Die Erinnerungen sind im Kopf gespeichert, auch ohne dass ich sie in der Hand halte.

Fürs Shooting darf sie mal mit auf die Couch, die Goldmedaille.
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Wie gesagt, Olympia war für mich bis jetzt das absolute Highlight, aber Aachen an sich ist schon phänomenal und jetzt die WM im eigenen Land… Ich weiß noch genau, als ich als Kind zu Hause saß, Fernsehen geschaut habe und im Traum nicht daran gedacht hätte, dass ich 20 Jahre später ein Teil dieser Mannschaft sein werde.
dressursport.kim: Vor 20 Jahren warst Du – 19?
Frederic Wandres: Okay, ich war kein Kind mehr, aber ein junger Erwachsener, der mit Turnierreiten noch überhaupt nichts zu tun hatte. Ich war einfach im Reitverein, habe Schulpferde geritten, geputzt und gemacht. Bei aller Liebe hätte ich nicht gedacht, dass es so kommt. Wir kennen Aachen, wir wissen, was da auf uns wartet. Und wir kennen das Springstadion von der Ehrung des Nationenpreises. Die Dressur bei der WM wird ja im großen Stadion geritten und so haben wir schon mal einen Vorgeschmack bekommen, was atmosphärenmäßig auf uns zukommt – gewaltig! Da eine Dressurprüfung reiten zu dürfen und geschweige denn – ein Träumchen – die Kür am Samstagabend, das wäre natürlich auch noch mal ein Nonplusultra. Unter Flutlicht mit ca. 45.000 Zuschauern eine Kür zu reiten, das wäre der Wahnsinn. Aber: Es dürfen ja nur drei Paare pro Nation in die Kür, das muss man erst mal schaffen, das geht nicht automatisch.

Ehrung im Aachener Stadion – so fühlt es sich an!
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dressursport.kim: Wenn es mit der Kür in Aachens Kulisse für Dich klappen sollte – Deine Kür steht? Es wird Deine Olympia-Kür sein?
Frederic Wandres: Darüber spreche ich gar nicht so gerne, ich bin ja schon abergläubisch. Sagen wir so viel: Ich hatte für Paris einen französischen Part im Galopp eingebaut. Den werde ich ändern, weil wir jetzt nicht mehr in Frankreich sind. Aber mehr werde ich noch nicht verraten …

Erst EM-, dann Olympia-, dann wieder EM-, jetzt WM-Partner: Bluetooth OLD
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dressursport.kim: Vor gut einer Woche war Hagen, seither steht das Team. Was macht Bluetooth jetzt noch bis zur WM?
Frederic Wandres: Nach dem Nationenpreis in Hagen haben wir Bluetooth, wie immer nach dem Turnier, runtergefahren. Im Moment geht er auf die Rennbahn, Ausreiten und definitiv keine Dressur-Lektionen. Etwa drei Wochen vor Aachen fangen wir wieder an und dann muss ich mich rechtzeitig um einen Termin bei Monica Theodorescu kümmern, ihr Kalender ist natürlich auch sehr voll. Mit ihr stimme ich dann genau ab: Wo, wann, was. In Hagen haben wir auch noch ein paar Erkenntnisse gesammelt, die gilt es im Training umzusetzen und dann geht’s auch schon ins Trainingslager. Davor muss alles vorbereitet werden. Da kommen sehr viele logistische Sachen und Papierkram auf einen zu. Ich habe gute Leute aus dem Büro bei uns, die mir helfen, Lars übernimmt auch einen Teil, aber trotzdem bleibt immer noch viel übrig: E-Mails beantworten, Behandlungsbücher, Schmiededaten, man muss an alles Mögliche denken. Das ist ein großer Rattenschwanz, der da dranhängt. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Und dann geht man so langsam in seinen sogenannten Tunnel und los geht’s.
dressursport.kim: Du bist sehr aktiv im Fitnessbereich gewesen, sehr viel laufen gegangen – schaffst Du das jetzt noch in der Zeit vor der WM?
Frederic Wandres: Das ist tatsächlich eine Art Ventil für mich. Der Sport hilft mir. Vor einem oder anderthalb Jahren war ich der größte Couch Potato, den man sich vorstellen kann. Ich hätte jedem einen Vogel gezeigt, der mit mir nach Feierabend ins Gym hätte gehen wollen. Ich bin ja den ganzen Tag am Rennen, Machen, Tun, und da ist man wirklich froh, wenn man nach Hause kommt und nichts mehr machen muss. Aber das hat sich komplett geändert bei mir, da hatte ich irgendwie einen Sinneswandel. Seitdem bin ich angefixt und habe schon ein schlechtes Gefühl, wenn ich mal ein oder zwei Tag nicht ins Gym kann. Dann komme ich schon ein bisschen aus der Balance, der Routine.

Fast täglich: Freddy auf dem Laufband.
Foto: © L. Ligus
dressursport.kim: Bist Du mehr der Gewichte-Stemmen-Typ oder der auf dem Laufband?
Frederic Wandres: Ich bin eher der Cardio-Freak und verbringe die Zeit hauptsächlich auf dem Laufband, Fahrrad oder Rudergerät, aber natürlich mache ich auch ein bisschen Krafttraining. Ich möchte auf dem Pferd nicht aussehen wie das Muskelpaket Hulk, aber einfach für meine Fitness und Ausdauer etwas tun. Und ich kriege den Kopf dabei frei, bin mal weg von zu Hause und sehe andere Leute. Das macht mir Spaß. Das, was sich so anstaut, sei es mit Vorbereitungsstress oder dass mir irgendwelche Gedanken von Bluetooth durch den Kopf schießen, das kann ich im Fitnessstudio auf dem Laufband 30-mal durchdenken, ohne dass ich jemanden nerven muss. Und wenn ich aus dem Gym gehe, kann ich sagen: Okay, jetzt komme ich wieder klar.
dressursport.kim: Wie ist das mit Lars (Ligus) – ist der im Gym auch dabei?
Frederic Wandres: Ja, Lars kommt auch immer mit. Er hat allerdings ein Knieproblem, er kann nicht aufs Laufband, er macht mehr Krafttraining. Lars ist diesbezüglich genetisch gesegnet. Er macht vier Wochen Krafttraining und sieht gleich aus wie Meister Proper. Dafür müsste ich vier Jahre Krafttraining machen. (lacht)

Chill-Time: Frederic Wandres mit Bluetooth, Lars Ligus mit Veuve Clicquot
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dressursport.kim: Erst Duke of Britain, jetzt Bluetooth – gibt es schon ein Pferd, das Du Dir eventuell in dieser ‚Reihe‘ als nächstes vorstellen könntest?
Frederic Wandres: Ich habe ein paar richtig gute Nachwuchspferde, zum Beispiel Imo Pectore, den ich in Hagen schon für das Louisdor-Preis-Finale qualifizieren konnte, noch einige andere und natürlich Veuve Clicquot! Das Pferd ist wirklich sehr, sehr gut. Er hat Einstellung, Charme, Ausdruck, Rittigkeit – alles auf dem höchsten Level. Es ist ein Genuss, dieses Pferd jeden Tag zu reiten. Und wie er sich im vergangenen halben Jahr entwickelt hat, das ist schon richtig gut. Den werde ich jetzt schön in Ruhe Schritt für Schritt ausbilden, in ganz enger Abstimmung auch mit Monica Theodorescu und dann ist für die Zukunft eigentlich alles möglich. Er hat alles, was ein internationales Championatspferd braucht.
dressursport.kim: Apropos Entwicklung – wie würdest Du Deine Entwicklung beschreiben, vom ersten Grand Prix-Start mit Duke bis hin zum Mannschafts-Olympiasieger und Ausbilder von Spitzenpferden. Was ist für Dich die wichtigste Erkenntnis?
Frederic Wandres: Duke war für mich ein super Lehrmeister, obwohl wir zusammen in den Grand Prix-Sport gewachsen sind. Er hat mir so viel beigebracht. Das habe ich mitgenommen auf Bluetooth und von Bluetooth lerne ich auch so viele Sachen, die ich für das nächste Pferd mitnehmen kann, zum Beispiel auf Ville (Veuve Clicquot). Ich hoffe, dass ich die Erfahrungen, die ich auf den beiden Pferden sammeln durfte, dass ich die jetzt in Ville bündeln kann – zum Beispiel die Geduld. Dinge dauern so lange, wie sie dauern. Oder im Training zu sagen: Weniger ist mehr. Das muss man erst im Kopf zulassen und wissen: Wenn ich jetzt noch eine Zickzack oder dies oder das reite, mache ich es nicht besser. Sonst arbeitet man gegen sich selbst. Man muss lernen zu sagen: Lass die Zügel lang, klopf ihn, trabe aus, morgen ist auch noch ein Trainingstag. Das sind Erfahrungen, die muss man über Jahre sammeln. Ich weiß, dass ich so weit bin, dass ich das ganz gezielt steuern kann. Ich kann im Kopf genau so entscheiden, dass es super für das Pferd passt. Das ist für mich die wichtigste Entwicklung in all den Jahren.

Auf ihn setzt Wandres große Zukunftshoffnungen: Veuve Clicquot
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Und am nächsten Montag: Das dressursport.kim-WM-Gespräch mit Raphael Netz.



