Die WM 2006 hat er im Wald ‘verspielt’
Die WM in Aachen 2006 hat er im Wald erlebt. Bei der EM in Aachen 2015 ist er 16-jährig bereits im großen Hauptstadion mitgeritten. Und das Podium in Balve hatte für ihn eine ganz besondere Faszination mit Schwarz-Weiß-Erinnerungen.
Das dressursport.kim-WM-Gespräch mit Raphael Netz…
Foto oben: Der ‘Hessen-Bub’ im Aachener WM-Team, Raphael Netz
dressursport.kim: Du bist mit 27 Jahren das Küken im WM-Team, der Einzige, für den Aachen die Championatspremiere wird – ein gutes Gefühl?
Raphael Netz: Ich finde es faszinierend, auch im Rückblick auf das Podium in Balve. Da stand ich plötzlich mit Isabell Werth, die ich von früher noch von Schwarz-Weiß-Fotos kenne. Und plötzlich bin ich mit ihr im Team, das ist schon ein unglaubliches Gefühl. Aber: Jeder fängt ja mal an, Isabell hat ihr erstes Championat 1989 geritten und ich meins eben jetzt, 2026…

Das Podium in Balve mit speziellen Erinnerungen von Raphael Netz
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dressursport.kim: Du bist zwar der Einzige aus dem Team, der noch kein Seniorenchampionat bestritten hat, aber Du bist auch der Einzige, der bei den U25-Reitern Championate miterlebt hat. Das hilft?
Raphael Netz: Ja, absolut. Ich weiß schon ungefähr, wie das Trainingslager abläuft, dass man noch detaillierter das Training anguckt, sich explizit mit der Aufgabe auseinandersetzt und da auch schon anfängt, in die Bubble zu kommen. Den Fokus noch mehr zu schärfen. Für mich war bisher auch immer schön, dass man über eine gewisse Zeit nur dieses eine Pferd reitet, nur seinen Championatspartner. Man kann sich noch gezielter auf dieses eine Pferd einstellen. Gleichzeitig reift man in dieser Zeit auch noch mehr als Team zusammen, tauscht sich aus, sitzt zusammen. So war das bisher und ich denke, das wird auch im Seniorenteam ähnlich sein.
dressursport.kim: Wir springen einmal 20 Jahre zurück. 2006 ist Isabell Werth Weltmeisterin in Aachen geworden, Frederic Wandres hat uns erzählt, dass er zu der Zeit noch im Reitverein Schulpferde geritten hat und nichts mit Turnierreiten am Hut hatte (s. Das dressursport.kim-WM-Gespräch mit Frederic Wandres). Du warst 2006 sieben – wie war Dein Leben mit sieben Jahren?
Raphael Netz: (lacht) Mit sieben war ich vormittags in der Schule, nachmittags im Stall und am Wochenende mit den Nachbarskindern im Wald mit Stöcken spielen.
dressursport.kim: Mit Stöcken?

Während in Aachen 2006 WM geritten wurde, hat Raphi im Wald gespielt 🙂
Raphael Netz: Ich habe es geliebt. Ja, ich war ein richtiges Naturkind. Ich war immer draußen, immer im Wald und habe mit Stöcken Schwertkampf und so was gespielt. Ich hatte eine tolle Kindheit. Die Jugend von heute – Achtung, der Opa spricht (lacht) – die sitzen alle am Smartphone. Als ich in meinem letzten Schuljahr war, saßen die Fünftklässler mit Smartphones im Bus, die größer waren als ihre Köpfe. Ich bin heilfroh, dass meine Generation eigentlich die letzte ist, die noch ohne aufgewachsen ist, aber dann doch die Vorteile hatte, als man Teenager war. Bei uns war das noch so, wie das früher eben war: Ich habe gesagt, ich will spielen gehen, dann bin ich losgezogen und meine Eltern haben gesagt, komm wieder, wenn es dunkel wird. Das war herrlich. Ja, ich hatte eine ganz tolle Kindheit mit Stöcken spielend im Wald.
dressursport.kim: Neben den Stöcken warst Du aber auch schon mit sieben halbtags im Stall?
Raphael Netz: Das ist richtig. Ich habe mit vier Jahren angefangen zu reiten. Ein Jahr lang hatte ich nur Longenunterricht, darüber haben wir schon ein paar Mal gesprochen (schmunzelt). Und ab fünf Jahre habe ich verschiedene Reitbeteiligungen gehabt, weil mir eine Reitbeteiligung zweimal die Woche nicht ausgereicht hat. Deswegen haben wir vier oder fünf Reitbeteiligungen gehabt mit jeweils zwei oder drei Mal pro Woche, so dass ich jeden Tag zwei oder drei Pferde zu reiten hatte. Das war von sechs bis ich acht wurde, mit neun Jahren habe ich dann Aki bekommen, meinen Haflinger.
dressursport.kim: Du warst wirklich schon als Knirps passioniert, ohne dass jemand in Deiner Familie etwas mit Pferden zu tun hatte. Das ist besonders. Und hast Du mit sieben auch schon etwas von der WM in Aachen mitbekommen?
Raphael Netz: Alles außer ein ‚Nein‘ wäre gelogen. Für mich war damals der Sport überhaupt kein Thema. Ich habe Pferde geliebt, es hat mir Spaß gemacht und ich wollte einfach Zeit mit Pferden und im Stall verbringe. Und ich wollte lernen, reiten lernen – das war alles. 2015, als die EM in Aachen war, da war ich schon dabei.
dressursport.kim: Dabei?
Raphael Netz: Damals durfte ich schon einmal im Hauptstadion reiten, vor 45.000 Zuschauern. Ich war Têtenreiter bei der Ponyquadrille der damaligen Bundestrainerin Cornelia Endres. Ich bin tatsächlich schon mal auf dem Platz geritten, wo wir in vier Wochen zur WM einreiten.
dressursport.kim: Oha, wie war das? Woran erinnerst Du Dich?
Raphael Netz: Ich kann mich nicht daran erinnern, aufgeregt gewesen zu sein, es ging ja um nichts. Es war einfach nur cool, vor einem gefüllten Hauptstadion die Eröffnungsfeier der EM zu reiten. Ich war 16 und weiß noch genau, wie unheimlich laut es in diesem Stadion war. Du hast das Gewusel dieser 45.000 Menschen schon gehört da drin. Und es war ein anderes Knistern in der Luft. Das war ich natürlich überhaupt nicht gewohnt. Bis dahin bin ich vielleicht mal vor 100 Leuten geritten, maximal. Das ist auf jeden Fall bei mir hängen geblieben, dieser Eindruck, als ich da reingeritten bin.

Raphael Netz – sein erstes Jahr am Start in Aachen, 2024.
dressursport.kim: Und Du kennst das Stadion vom Abschied der Nationen?
Raphael Netz: Ja schon, aber nur zu Fuß. 2024 war ich beim CHIO am Start, da war der Abschied der Nationen das erste Mal ohne Pferd, also bin ich auch schon mal durch das Stadion gelaufen. Überhaupt war aber die ganze Aachen-Woche 2024 ein einziger Traum. Ich bin zum ersten Mal dort an den Start gegangen. Das kann man jemandem, der Aachen nicht kennt, nicht beschreiben. Es ist einfach das schönste und größte Turnier der Welt. Es ist für mich ein Riesentraum in Erfüllung gegangen, da in der Vier-Sterne-Tour reiten zu können. Und es lief auch richtig gut, da haben wir uns als Reservisten für Paris empfohlen.
dressursport.kim: Das Trainingslager in Paris hat schon gewunken, am Ende hat es wegen nicht vollständig erfüllter Meldeauflagen bezüglich des Anti-Doping-Regelwerks, so das damals offizielle Wording, nicht geklappt. Inwieweit war/ist das jetzt noch in Deinem Hinterkopf?
Raphael Netz: Das lässt mich seitdem nicht los und ich bin proaktiv auf alle Ansprechpartner zugegangen, damit mir so etwas auf jeden Fall nicht noch mal passiert. Ich habe schon im Jahreswechsel bei der NADA (Nationale Anti Doping Agentur Deutschland) und beim DOKR (Deutsches Olympiade-Komitee für Reiterei) angerufen und mich um alles gekümmert, was es für mich damals zu Kümmern gab.
dressursport.kim: Das heißt, Du hast schon Anfang des Jahres auf einen Platz im WM-Team geschielt?
Raphael Netz: Ich habe natürlich nicht damit gerechnet, aber ich probiere immer vorausschauend zu denken. Ich habe eigentlich nur nachgefragt, ob alles passt und ob ich in allen Pools richtig drin bin. Mehr nicht. Diese Umstände waren glücklicherweise dann auch dafür verantwortlich, dass ich für das Weltcup-Finale in Texas mein Pferd so kurzfristig tauschen konnte. Ich hatte für beide Pferde, Camelot und Dieudonne, den kompletten Papierkram gemacht. Und dann war es am Ende nur ein Anruf, um zu tauschen. Bei einer Interkontinentalreise mit Pferden hat man reell zwei Monate richtig Arbeit, Auflagen, ganz viele Termine und Deadlines, die man erfüllen muss. Das ist schon anstrengend.

Sie haben schon mal championatsähnliche Luft geschnuppert: Raphael und Camelot beim Weltcup-Finale in Riad 2024.
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dressursport.kim: Vom Weltcup-Finale mit Kürgedanken zurück zur WM. Von der Wahrscheinlichkeit betrachtet müsste etwas Unvorhergesehenes passieren, wenn Du die WM-Kür reiten dürftest. Es dürfen nach wie vor nur drei pro Nation. Für den Fall der Fälle – hast Du Deine bekannte Drachen-Kür dabei? Oder etwas Neues im Gepäck?
Raphael Netz: Ich gehe tatsächlich sehr stark davon aus, nicht in der Kür an den Start zu gehen. Aber ich freue mich schon darauf, mir mit meinem Team einen schönen Abend zu machen, auf der Teilnehmertribüne zu sitzen und guten Sport zu gucken. Und wenn, dann hätte ich natürlich meine Drachenkür dabei – die passt zu uns, das flutscht, da haben wir nichts geändert.
Nächsten Montag: Das dressursport.kim-WM-Gespräch mit Katharina Hemmer


