Die “andere” Isabell Werth
Man kennt Isabell Werth – die Medaillensammlerin, die Fokussierte, die unglaublich starke Prüfungsreiterin. Wir, Stefan (www.sportfotos-lafrentz.de) und Kim (www.dressursport.kim), waren einen Tag in Rheinberg und durften sie auf anderen ‘Spielfeldern’ erleben:
…in ihrer gerade eröffneten Hengststation, als Unternehmerin mit neuen Ideen, als Züchterin. Als die, die ganz selbstverständlich für das ganze Team Pizza bestellt, die strahlt, wenn sie ihre Bella auf der Weide sieht oder die Rentnerband besucht und Emilio ihr gleich in die Tasche krabbeln möchte. Die, die Erfolg genießt, aber den Boden unter den Füßen nie verloren hat.
Die “andere” Isabell Werth – Teil I

So viel Zeit muss sein: Knuddeln mit James
© www.sportfotos-lafrentz.de
Bella Rose als Großmutter
Isabell Werth war immer zuchtinteressiert. Das ist nicht neu. „Meine Eltern haben auch immer ein bisschen gezüchtet und ich habe immer drei oder vier Fohlen, in diesem Jahr sind es vier.“ Mittlerweile werden meist Stuten zur Zucht eingesetzt, die sich selbst im Sport bewiesen haben – wie Bella Rose oder Escada. „Da habe ich dann schon einen guten Mutterstamm und weiß, dass etwas Gutes herauskommt!“ Bella Rose wird in diesem Jahr mit V-Power belegt. „Mein Favorit wäre Viva Gold gewesen“, gesteht Werth, „da er aber nicht im Deckeinsatz steht und wir auch keinen TG-Samen mehr haben, nehmen wir seinen Sohn V-Power. Er eifert seinem Vater schon sehr hinterher.“

Bella Rose, auch als Mutterstute immer noch sehr interessiert 🙂
Es wäre das fünfte Fohlen von Werths Herzensstute: 2023 kam Via Bellini von Valdiviani zur Welt, 2025 Majestic Madeleine von Majestic Taonga und vor sechs Wochen hat Bella Rose ein bildschönes Stutfohlen von Daan G bekommen, das per Embryotransfer ausgetragen wurde. Und dann ist da noch Fohlen Nummer eins: For You von Flatley. „For You war auch ein Embryotransfer-Fohlen, das ich schon vor einigen Jahren Madeleine geschenkt habe. For You soll nächstes Jahr ein Proud James-Fohlen bekommen.“ Dann wird Bella Rose Großmutter.

Gemütlich auf ihrer Weide in Rheinberg: Bella Rose (hinten) und Escada – erst Sportstuten, jetzt Zuchtmütter.
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Der Spaß an Pferden und der Nachzucht ist das eine, aber es spielt noch ein weiterer Gedanke bei Isabell Werth mit Blick auf die Zucht mit. „Wenn wir weiterhin Spitzensport betreiben wollen, brauchen wir Top-Pferde. Die Zucht zeichnet sich seit einigen Jahren rückläufig, und ich glaube, es ist wichtig, dass wir Präsenz zeigen und versuchen, das aufzufangen und die Züchter zu motivieren, weiterzumachen.“

Inmitten ihrer ehemaligen Sportpartner – allen voran Emilio (re.)
© www.sportfotos-lafrentz.de / Stefan Lafrentz
Die Rentner – eine Herzensangelegenheit
Rund 25 Angestellte gehören heute zum Team Werth, nicht alle, aber die meisten in Vollzeit. 70 Pferde haben auf dem ehemals elterlichen Hof der Familie Werth ihr Zuhause, einige Jungpferde und vor allen Dingen Fohlen sind zu dem nahegelegenen befreundeten Aufzuchtbetrieb der Familie Hödl ausquartiert – auch damit die Hengste von der neuen Hengststation ihre Ruhe haben. Rund 24 Hektar gehören zum Hof, als Weiden und Wiesen, zur eigenen Heugewinnung und für die Rentnerband. Die Rentner sind Isabell eine Herzensangelegenheit. Alle ihre ehemaligen Sportpferde dürfen ihren Lebensabend in Rheinberg genießen mit Ausnahme von Weihegold, die zurück zu ihrer Besitzerin gegangen ist. Emilio, der 58-malige internationale Grand Prix-Sieger, steht dort auf der Rentnerweide dösend mit leichtem Bauchansatz in der Sonne, neben ihm seine ehemaligen Grand Prix-Kollegen First Class, Der Stern, Laurenti, Quintus und Fürstentusch. Der 18-jährige Quintus ist der Jungspund der Truppe, First Class mit 27 der Stammesälteste. Werth schlendert von einem zum anderen, weiß über jeden eine kleine Geschichte zu erzählen und wo derjenige gerade am liebsten gekrault wird. Die achtmalige Olympiasiegerin genießt es, umringt von ihren ehemaligen Sportpartnern, die mit gespitzten Ohren um Aufmerksamkeit buhlen.

Isabell Werth gut gelaunt und sehr ehrlich im Interview
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“Hoffentlich hast Du Dich nicht übernommen…”
„2003 habe ich den Hof meiner Eltern übernommen und umgebaut, Ende 2003 bin ich dann von Madeleine Winter-Schulze aus Mellendorf zurück nach Rheinberg gekehrt“, erinnert sich die jüngere der beiden Werth-Geschwister. Schwester Claudia wohnt in unmittelbarer Nähe des Hofes und springt gerne zur Unterstützung ein, beispielsweise um die Hunde in ihre Obhut zu nehmen. „Damals hatte ich hier 24 Boxen und habe gesagt: Mehr nicht! Das ist inzwischen ein bisschen mehr geworden“, erklärt Isabell und lacht ihr typisch herzliches Lachen. „Irgendwie kam eins zum anderen, man hat sich weiterentwickelt und es macht Spaß. Größe ist kein Vorteil in unserem Geschäft, um auch den Pferden und der individuellen Ausbildung gerecht zu werden. Deshalb ist es so wertvoll, dass ich eine wirklich langjährige Stammmannschaft habe, die mit allem Herzblut und Idealismus zu Werke geht und letztlich alles mitentwickelt.“
Auf die größte Herausforderung in den 23 Jahren mit eigenem Betrieb angesprochen, antwortet die Hausherrin prompt: „Die Wirtschaftlichkeit. Das waren für mich persönlich schon erhebliche Investitionen und in den ersten Monaten bin ich häufiger nachts aufgewacht und habe gedacht: Hoffentlich hast Du Dich nicht übernommen, auch wenn Madeleine (Winter-Schulze) meine Selbständigkeit unterstützt hat. Es war zu dem Zeitpunkt ja nicht abzusehen, dass die Erfolge sich so weiterentwickeln. Wenn alles gut läuft, ist alles leichter, aber es muss mit dem Augenmerk gestaltet werden, dass es auch ohne Medaille gut und wirtschaftlich weitergeht.“ Im Lauf der Jahre sei sie immer wieder darin bestätigt worden, „dass es ein unglaubliches Privileg ist, wenn man jeden Tag das machen darf, was man liebt und worin man auch das meiste Talent hat. Bei mir ist das sicher Pferde erkennen, sich mit ihnen beschäftigen, sie auszubilden und weiterzuentwickeln.“ Bis hin zur siebten WM-Teilnahme – das ist das Ziel 2026.

Werth und Wendy – Blickrichtung WM
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Die “andere” Isabell Werth – Teil II
Im zweiten Teil ‘Isabell Werth’ geht es morgen, Donnerstag 30.4., bei dressursport.kim auch um Isabells beiden WM-Eisen im Feuer, aber noch mehr um ihre gerade eröffnete Hengststation, um den neuen Reiz, auf den sie sich freut, um Zukunftsmodelle und vor allen Dingen um Pferde, Pferde, Pferde. Auch der zweite Teil wird wieder mit den Bildern von www.sportfotos-lafrentz.de bildhaft wunderbar in Szene gesetzt!


