„Jedes Pferd so, als wäre es mein eigenes!“

Dressurausbilder Thomas Schulze kauft eine eigene Anlage und wagt den Schritt ins Ungewisse. Warum er dafür nicht größer werden, sondern seinen Weg konsequent weitergehen will – und was selbst Topstar Bon Courage nicht bekommt: Extrawürste, weil ...

Dressurausbilder Thomas Schulze startet mit eigener Anlage durch.
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Eine eigene Reitanlage zu kaufen, ist ein großer Schritt. Thomas Schulze hat ihn gewagt. Im niedersächsischen Kirchdorf, im Landkreis Diepholz, schlägt der selbstständige Dressurausbilder ein neues Kapitel auf – mit seinen Pferden, einem treuen Kundenstamm und klaren Vorstellungen davon, wie er seinen Betrieb führen möchte. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Expansion, sondern das, was ihm schon bisher wichtig war: individuelle Ausbildung, Vertrauen und Pferde, die Pferde sein dürfen.

dressursport.kim: Thomas, eigene Anlage statt Pacht – was bedeutet dieser Schritt für dich?

Thomas Schulze: Ein Schritt ins Ungewisse, aber eben auch mit ganz vielen Möglichkeiten und neuen Chancen verbunden. Wir wollten uns in Richtung Eigentum entwickeln und die Möglichkeit haben, die Anlage so zu gestalten, wie es uns entspricht. Das ist für uns eine große Chance.

dressursport.kim: Was hat dich an der Anlage in Kirchdorf überzeugt?

Thomas Schulze: Es ist eine richtige Sportanlage mit einer 20 x 55 Meter großen Halle und einem 20 x 60 Meter großen Außenplatz. Aber vor allem bietet sie uns beeindruckende Möglichkeiten für die Pferde. Wir haben dort fast fünf Hektar Land, viele Wiesen und Weiden, Sand-Paddocks und eine große Anzahl Paddockboxen. Außerdem werden wir zehn Boxen zu fünf größeren Boxen von jeweils fünf mal sechs Metern umbauen und die Sand-Paddocks werden wir mit Matten ausstatten, damit die Pferde auch bei schlechtem Wetter vernünftig hinauskönnen.

dressursport.kim: Das klingt, als hätten die Pferde beim Kauf ein gewichtiges Wort mitgeredet…

Thomas Schulze: Auf jeden Fall! Die Pferde leisten jeden Tag so viel für mich. Da möchte ich ihnen auch etwas zurückgeben. Ich freue mich darauf, mich einfach auf eine Bank zu setzen und ihnen auf der Wiese zuzuschauen. Dass wir künftig alle Pferde gleichzeitig nach draußen bringen können, ist für mich ein riesiger Gewinn. Es müssen nicht mehr drei oder vier Pferde im Stall bleiben, weil draußen nicht genügend Platz ist. Ganz ehrlich, ich genieße es sehr, wenn alle auf der Wiese stehen und ich ihnen zusehen kann.

dressursport.kim: Du sprichst von wir?

Thomas Schulze: Genau, ich spreche von ‚Wir‘, weil mein Lebenspartner zwar nicht mehr reitet, aber voll mitzieht und mein größter Rückhalt ist. Matthias (Wehr) ist früher selbst Springen geritten, auch wirklich erfolgreich, hat dann aber aufgrund des Studiums das Reiten an den Nagel gehängt. Er ist Diplom-Ingenieur für Landschaftsentwicklung bei der Stadt Osnabrück und unterstützt mich mit den Pferden zu 100 Prozent.

dressursport.kim: Wie groß wird der Betrieb künftig sein?

Thomas Schulze: Ich bleibe bei meiner bisherigen Größenordnung. Ich bin seit 2018 voll selbstständig und habe meinen Betrieb über die Jahre kontinuierlich weiterentwickelt. Die Erfolgsquote ist immer weiter gestiegen. Ich möchte auf keinen Fall das bewährte Konzept verändern. Ich werde weiterhin alle Pferde selbst reiten und keinen zusätzlichen Bereiter einstellen. Das ist vielleicht auch immer mein Pluspunkt gewesen, dass ich garantiere, dass nur ich die Pferde reite und sonst niemand. Mir ist wichtig, jedem Pferd gerecht zu werden.

Bon Courage unter Thomas beim Finale des Nürnberger Burg-Pokals 2025.
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dressursport.kim: Wie viele Pferde ziehen mit dir um?

Thomas Schulze: Wir nehmen alle mit! Die gesamten 13 Berittpferde. Mein Topstar ist natürlich Bon Courage FRH, weil er gerade wieder S-3-Sterne gewonnen hat und einfach immer abliefert. Aber ich habe das Glück, dass ich ein paar mehr Stars habe: unsere selbstgezogene vierjährige Vize-Bundeschampionesse von diesem Jahr beispielsweise, Spezialeffekt NRW v. Segantini, den sechsjährigen Sinato v. Secret oder den vierjährigen Salsero, auch von Secret, der Vize-Landeschampion bei den Hannoveranern geworden ist. Dann ist da noch die fünfjährige Senza Parole F, wieder von Secret, die im WM-Finale der Fünfjährigen war, die achtjährige Florida v. Florenz und noch einige erfolgreiche Pferde, die mich schon lange begleiten. Auch mein Kundenstamm hält mir die Treue. Ich habe einen kleinen, aber sehr beständigen Kreis an Pferdebesitzern, die mir vertrauen und immer wieder Pferde zur Ausbildung geben. Besonders Frau Dr. Feichtinger, der auch Bon Courage gehört, ist für mich ein unfassbar wichtiger ‚Baustein‘ in meiner Karriere. Sie vertraut mir viele hochkarätige Pferde zur Ausbildung an, die ich in Ruhe entwickeln darf, und sie steht so voll hinter mir.

dressursport.kim: Welche Trainer stehen an deiner Seite?

Thomas Schulze: Das ist einerseits Bernhard Fischer, mit dem ich schon seit neun Jahren trainiere. Er hilft mir vor allen Dingen bei der Ausbildung der jüngeren Pferde. Und auf der anderen Seite arbeite ich mit Andreas Senge. Mit ihm trainiere ich die weiter ausgebildeten Pferde, hauptsächlich meine beiden Grand Prix-Hoffnungen: Bon Courage FRH und Florida OLD.

dressursport.kim: Was ist Deine persönliche Philosophie?

Thomas Schulze: Eigentlich ist es ganz banal: Ich behandele jedes Pferd so, als wäre es mein eigenes. Das ist etwas, das mir meine Pferdebesitzer immer wieder als besondere Stärke zurückmelden. Natürlich führen auch andere Wege zum Erfolg. Aber ich glaube, dass man nur dann wirklich fair mit einem Pferd umgehen kann, wenn man es nicht bloß als Sportpartner betrachtet, sondern als Lebewesen, für das man Verantwortung trägt.

Noch so sehr eins sein mit dem Pferd, dennoch brauchen sie auch Artgenossen, betont Thomas.
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dressursport.kim: Und dazu gehört auch, dass nicht jeden Tag geritten wird …

Thomas Schulze: Unbedingt. Die Pferde dürfen auch einfach mal frei haben, ohne Sattel auf dem Rücken. Nicht nur zusätzlich zum Training nach draußen, sondern wirklich einfach nur draußen sein. Ich glaube, dass sie mir das mit frischer Energie und Konzentration im Training zurückgeben. Außerdem sind Pferde Herdentiere. Deshalb kommen die meisten bei uns mindestens zu zweit auf die Paddocks, damit sie Sozialkontakt haben. Das ist uns tatsächlich ganz wichtig, weil ich glaube: So sehr wir die Pferde mittlerweile domestiziert haben, dürfen wir nie vergessen, dass sie ursprünglich Herdentiere sind. Ich kann noch so sehr mit dem Pferd eins sein und das Pferd kann meine Streichel- und Kuscheleinheiten noch so lieben. Am Ende müssen sie auch unter Artgenossen Kontakt haben. Lediglich bei Bon Courage wäre ein gemeinsamer Paddockgang mit einem anderen Pferd etwas riskant, aber ansonsten gibt es keine Extrawürste. Er wird genauso behandelt wie alle anderen. Er hat keine abgeschirmte Sonderbox, sondern steht ganz normal im Stall, auch gegenüber von Stuten. Er ist ein Hengst und darf sich entsprechend verhalten. Aber er soll genauso Pferd sein dürfen wie jeder andere auch.

dressursport.kim: Ein Hengst ‚mittendrin‘ kann – für alle Seiten – aber auch mal stressig sein?

Thomas Schulze: Ja, natürlich, ohne Frage. Aber ich bin überzeugt davon: Wenn die Pferde das so kennenlernen und nichts Besonderes daraus gemacht wird, gehört es irgendwann einfach zum Alltag. Der grummelt mal, wiehert mal und ist hengstig, aber das sind natürlich normale Reaktionen. Und das sollte man, finde ich, nicht irgendwie versuchen, immer zu verhindern oder abzuwenden. Er muss sich auch mal wie ein Hengst verhalten dürfen. Ich finde nur, dass man sie nicht zu speziell behandeln darf, sondern einfach mitlaufen lassen muss. Pferde sind Gruppen- und Herdentiere und auch ein Hengst gehört dazu.

dressursport.kim: Wann geht es los in Kirchdorf?

Thomas Schulze: Der Umzug ist im Laufe des Dezembers geplant. Zum Jahreswechsel wollen wir komplett dort sein. Ich freue mich sehr auf diesen neuen Abschnitt. Wir verändern nicht unser Konzept, sondern nur den Ort, an dem wir es umsetzen.

dressursport.kim: Und woran wirst du merken, dass der Schritt richtig war?

Thomas Schulze: Wenn ich in den Stall komme, alle Pferde draußen stehen und der Stall leer ist. Das ist für mich der größte Seelenfrieden.