In der Anspannung entspannen – das ist die hohe Kunst!
Wie bereitet man seinen Youngster auf einen Auftritt im Nürnberger Burg-Pokal vor? Benjamin Werndl war schon zweimal im Finale des Burg-Pokals dabei und kennt den nächsten Etappenort München …
Foto oben: www.sportfotos-lafrentz.de
Jubel-Trubel, Zelte, Action überall – das ist der Sinn des Nürnberger Burg-Pokals. Die jungen Pferde sollen lernen, wie man sich auf großen Bühnen, auf ausgewählten Plätzen wohlfühlt. Die Pferd International in München ist zum 31. Mal eine Station des Nürnberger Burg-Pokals und ist definitiv ein besonderer Platz. Am kommenden Wochenende steht dort die zweite Station des Burg-Pokals 2026 auf dem Programm.

Benjamin Werndl mit Fosbury in der Nürnberger Burg-Pokal-Qualifikation München 2025.
© Nürnberger Versicherung
dressursport.kim: Benni, gib uns einen Tipp: Wie kann man ein junges Dressurpferd auf einen Start mit Turnierkulisse vorbereiten?
Benjamin Werndl: Wir fahren gerne mit den jungen Pferden vorher entweder auf den Turnierplatz oder einen anderen, je nachdem, was möglich ist, und simulieren den Turnierstart. Das bedeutet nicht, dass vor Ort schon die Zelte oder Richterhäuschen etc. aufgebaut sind, aber man fährt auf einen fremden Platz und ‚spielt‘ Turnier.
dressursport.kim: Spielt Turnier – was bedeutet das genau?
Benjamin Werndl: Da gibt es mehrere Varianten. Manchmal flechten wir die Pferde ein, manchmal ziehen wir auch unseren Turnier-Outfit an – das kann gerade bei jüngeren Reitern helfen – und wir setzen uns wie beim Turnier eine festgelegte Startzeit, damit wir auch das Timing beim Abreiten üben. Dann reiten wir entweder Ausschnitte der Prüfung oder auch mal die ganze Aufgabe durch, lassen uns filmen und analysieren die Aufnahme danach. Es ist erstaunlich, wie viel Turnierfeeling so aufkommt und was man dabei für Erkenntnisse und Erfahrungen sammeln kann.
dressursport.kim: Das alles passiert im Vorfeld, was kann man direkt vor Ort tun?
Benjamin Werndl: Für mich ist ganz wichtig, dass ich mit dem Pferd immer vorher auf das Viereck gehe. Je nach Anreise und Möglichkeiten schon zwei Tage vor dem Start, sonst auf jeden Fall am Tag davor. Das mache ich immer, das ist meine Art der Professionalität. Ich möchte meinen Pferden nicht abverlangen, dass ich sie in diese Situation ‚werfe‘ nach dem Motto: Jetzt darfst du hier performen. Pferde sind Fluchttiere, wenn sie Gefahr empfinden, wollen sie entkommen. Es ist unlogisch, sie unvorbereitet in neue Situationen zu bringen. Wir wollen, dass sie im Viereck Gelassenheit ausstrahlen. Und Gelassenheit kommt von innen, ein bisschen Nervosität oder Aufregung kommt sowieso mit der Turnieratmosphäre hinzu. Ich finde, die Pferde haben es verdient, dass man ihnen den Platz vorher in Ruhe zeigt. Am Turniertag selbst ist es sowieso noch mal anders, mit Zuschauern und Richtern, aber die Pferde haben in der Regel schon ein bisschen mehr Vertrauen, wenn sie den Platz mal gesehen haben.

Im Münchner Viereck: Benjamin Werndl
© Nürnberger Versicherung
dressursport.kim: Wenn Du das Viereck zeigst, machst Du das aus dem Sattel heraus oder auch manchmal führend?
Benjamin Werndl: Ich mache es vom Sattel aus, aber wer gerne vom Boden arbeitet, kann es auch von unten machen. Da gibt es viele Vertrauen fördernde Übungen. Auch aus dem Sattel gibt es viele Techniken. Hat zum Beispiel ein Pferd in einer Ecke Angst und ich zwinge das Pferd dann dahin, wird die Angst in der Regel größer. Unsere Erfahrung ist die, dass wir versuchen, die ‚gefährliche Stelle‘ zu einem Lieblingsort zu machen. Das funktioniert nicht durch Druck, sondern Entspannung. Das bedeutet: Wenn wir an diesen Punkt kommen, lösen wir den Druck. Ein Beispiel: Auf der offenen Zirkelseite arbeiten wir die Pferde, lassen sie vielleicht übertreten, und wenn sie zu ihrer ‚gefährlichen Stelle‘ an der kurzen Seite kommen, dann loben wir und machen es ihnen angenehm. Wenn man das ein paar Mal wiederholt, glaubt man gar nicht, wie gern die Pferde plötzlich in diese Ecke gehen. Sie dürfen an der Stelle arbeiten, an der es nicht so schwierig für sie ist, und dürfen entspannen, wo es schwierig ist.
dressursport.kim: An diesen ‚schwierigen oder gefährlichen‘ Stellen bleibt man eher im Trab oder Galopp oder pariert man zum Schritt durch?
Benjamin Werndl: Immer zum Schritt durchparieren. Wir müssen den Pferden die Zeit geben. Wenn wir schnell vorbei wollen und sie drücken, kommt Gegendruck und sie wehren sich. Es ist viel besser, wenn wir den Druck wegnehmen.
dressursport.kim: Wie arbeitest Du die Pferde, wenn sie das erste Mal auf dem Viereck sind? Reitest Du sie nur ein bisschen locker oder vielleicht nur ein paar Minuten, um Kräfte zu sparen?
Benjamin Werndl: Das ist von Pferd zu Pferd sehr individuell, aber ich versuche die Vorbereitung so normal wie möglich zu halten. Ich gehe nicht nach fünf Minuten wieder vom Platz. Das Pferd ist vielleicht ein bisschen aufgeregt, dann galoppiere ich es auf beiden Seiten ab und lasse den Druck raus. Dadurch entspannt sich das Pferd. Wenn ich zum Treiben komme und das Pferd locker wird, dann komme ich zum Reiten. Das ist auch eine Art der Durchlässigkeit, wenn ein Pferd sich entspannt. Das ist Teil der normalen Durchlässigkeitslockerungsarbeit.
dressursport.kim: Eine Frage zum Schluss: Voraussetzung, um aufs Turnier zu fahren, ist, dass die Pferde die verlangten Lektionen zu Hause absolut sicher beherrschen?
Benjamin Werndl: Das ist eine gute Frage, weil man sie gar nicht pauschal beantworten kann. Wir bilden die Pferde auch auf dem Turnier aus. Wenn wir nur zu Hause trainieren, trainieren, trainieren, bis alles perfekt ist, und dann aufs Turnier fahren, dann klappt es vielleicht doch nicht. Im Laufe der Entwicklung sind Turniere wichtig, damit die Pferde ihre Erfahrungen sammeln dürfen. Man kann auch in Kauf nehmen, dass mal ein Fehler passiert. Ich halte es eigentlich so, dass ich immer ein Level unter dem, was ich zu Hause trainiere, auf dem Turnier reite. Also wenn ich auf S-Niveau zu Hause trainiere, reite ich mit dem Pferd am Turnier eine M-Dressur – immer eins darunter.
dressursport.kim: Dahinter verbirgt sich aber die Gefahr, dass die Pferde zum Beispiel in der Burg-Pokal-Aufgabe schon Zweier-Galoppwechsel zeigen, obwohl Dreier gefordert sind?
Benjamin Werndl: Ja, das kann passieren. Das ist ein Übereifer, den ich gerne in Kauf nehme.
dressursport.kim: Als Fazit unterm Strich: Das Wichtigste sind Entspannung, Ruhe und Sicherheit?
Benjamin Werndl: Ja schon, aber auch positive Spannung. Nur Entspannung reicht nicht. In der Anspannung zu entspannen, das ist die hohe Kunst – für Reiter und Pferd.
Nürnberger Burg-Pokal 2026:
- 22.-26. April – Hagen – J’Adore Dior H/Patrik Kittel 74,171 %
- 14.-17. Mai – München
- 04.-07. Juni – Balve
- 16.-19. Juli – Görlitz
- 30.07.-02. August – Elmlohe
- 03.-06. September – Neufahren
- 17.-20. September – Darmstadt
- 08.-11. Oktober – Guxhagen-Dörnhagen
FINALE: 16.-20. Dezember – Frankfur
Weitere Informationen: www.nuernberger.com/pferdesport


