“Das habe ich krass gelernt”
Moritz Treffinger hat eine Top-Kür in Wien auf das Schloss-Parkett gelegt. In einem sehr offenen Gespräch mit dressursport.kim erzählt er, wie “krass schwer” der Übergang vom U25- zum Seniorensport ist, dass Schloss-Kulissen nicht an ihm “abprallen”, was er im Training mit Cadeau verändert hat und welche Pläne die Beiden haben…
Alle Fotos: EQWO/Petra Kerschbaum

Moritz – strahlend nach seiner Top-Kür in Wien.
dressursport.kim: Mit 76,630 Prozent bist Du gerade mit Cadeau Noir Zweiter beim internationalen Vier-Sterne-Turnier in Wien geworden, vergangenen Juli hast Du mit demselben Pferd, derselben Kür und mit 80,40 Prozent U25-EM-Kürgold gewonnen. Dennoch sagst Du: die 76 Prozent in Wien sind eine völlig andere Größenordnung – warum?
Moritz: Definitiv. Im Seniorensport wird noch mal auf so viel mehr geachtet. Das ist so krass – man kommt aus der U25-Zeit heraus und denkt, das geht jetzt so weiter bei den Senioren. Aber dann kommt es ganz anders. Ich bin so manches Mal aus dem Viereck gekommen und dachte: Wow, heute hast Du die Pirouette aber richtig auf dem Teller geritten. Und dann habe ich mir den Ritt bei Clipmyhorse noch mal angeguckt und gesehen – ‚ne, das geht noch kleiner‘. Bei den Senioren muss man noch viel selbstkritischer sein.
Man muss auch die Piaffen ganz anders reiten, jetzt denke ich: ‚noch mehr auf der Stelle, noch gesenkter die Kruppe, noch mehr vorne öffnen mit der Hand, im Oberkörper nicht in Rücklage kommen, sondern vorne bleibe, auch meine Beine, dass sie vorne bleiben am Gurt, meine Hände tief bleiben, ich den Übergang sozusagen vergesse von Passage zu Piaffe und von Piaffe zu Passage, weil alles in einem Guss eigentlich gehen muss.‘ Das alles rast durch den Kopf und das muss man erst mal verarbeiten und sich entwickeln.

dressursport.kim: Das bedeutet logischerweise, dass Du jetzt auch anders trainierst?
Moritz: Komplett. Allein schon, weil ich am Anfang ja gar nicht wusste, wie man das reitet. Ich durfte alles von den Jungs lernen (Anm. d. Red.: ‚Die Jungs‘ sind die Hengste Cadeau Noir, Fiderdance und Morricone). Inzwischen kann ich es auch ein bisschen und weiß, bei welchem Pferd ich welchen Hebel drücken muss. Das gelingt mir, glaube ich, zu Hause schon gut. Auf dem Turnier bin ich einfach auch noch, sage ich ehrlich, ab und zu ein bisschen aufgeregt und dann geht es mir manchmal in der Prüfung ein bisschen zu schnell. Ich denke manchmal in der Prüfung nach der Passage: ‚Mensch, Moritz, du Trottel, jetzt hast du wieder den Übergang versemmelt, weil du zu schnell geritten bist, nicht bewusst genug.‘ Es kommt wirklich alles Schlag auf Schlag. Man muss diese acht Minuten im Viereck absolut in seiner Bubble sein. Das ist schon heavy, einen Grand Prix durchzureiten.
Ich durfte ja auch schon vor Wahnsinns-Kulissen reiten – denken wir zum Beispiel gerade an die Schloss-Kulisse in Wien. Dass das nicht einfach so an einem abprallt, ist auch logisch. Dann ist man mit dem einen Auge doch eventuell ganz kurz etwas abgelenkt — und das merkt man sofort. Das habe ich krass gelernt, dass ich wirklich fokussiert sein muss.

Die Gloriette – eine der Wahnsinns-Kulissen – und das war die Sicht beim Abreiten 🙂

Beeindruckt von der Kulisse, aber auch von den Toiletten in Wien 🙂
Fotos: ©M. Treffinger

dressursport.kim: Du hast nach dem Übergang zu den Senioren Dein Reiten verändert, Dein Training verändert, hat sich damit einhergehend auch Cadeau verändert?
Moritz: Das Ding ist, dass ich ja alle drei Hengste von Spitzenreitern übernehmen durfte. Da muss ich natürlich ehrlich eingestehen, dass die Kurve mit mir dann erst mal nach unten ging. Ich konnte das, was die Hengste konnten, zuerst nicht nachreiten. Ich wusste nicht, wie man die Pferde gymnastiziert und die Kraft beibehält, um diese Lektionen zu reiten. Das habe ich erstmal alles lernen müssen, auch auf den verschiedenen Pferden. Wenn ich das Schema von Cadeau mit auf Morricone nehmen würde oder andersherum, dann würde gar nichts gehen. Das habe ich erst mal gelernt. Das heißt, dass die Kurve erst mal runterging und jetzt geht es gemeinsam wieder bergauf, weil ich viel mehr verstanden habe, wie es funktioniert.

Auf geht’s – Jubeln für Cadeau!

Und noch mehr Jubel für Cadeau!
dressursport.kim: In der Kür von Wien waren Cadeau und Du vielleicht so gut wie noch nie – hast Du vor Wien noch mal etwas verändert?
Moritz: Ich war mit unserem letzten Turnierauftritt davor nicht so happy und habe mich in den Wochen vor Wien noch einmal ganz bewusst mit Cadeau auseinandergesetzt. Ich habe beispielsweise eine Unterlegtrense gefunden, mit der er sich noch wohler fühlt. Pferde verändern sich ständig, mit der Ausbildung, dem Alter, dem Trainingszustand etc. Da muss man also immer wieder genau hinhören und hingucken, womit sie sich am wohlsten fühlen. Und wir haben im Training ganz primär auf die Durchlässigkeit geachtet. Auf das Stellen- und Biegen-Können und darauf, dass er immer vor dem Bein bleibt. Ich habe mich auf Cadeau manchmal dazu verleiten lassen, zu viel Druck mit den Beinen zu machen. Ich habe ganz viel daran gearbeitet, ihn noch mehr ‚alleine‘ machen zu lassen. Ich habe die Beine noch mehr geöffnet, um ihm noch mehr Raum zu geben.
Im Grand Prix von Wien ist mir das noch nicht so gut gelungen, aber in der Kür war es mega! Er war so fokussiert und kennt die Kür natürlich inzwischen in- und auswendig. Er weiß genau, was kommt ,und hat richtig Spaß dabei.

dressursport.kim: Cadeau, Kür, Spaß – das klingt alles nach Weltcup?
Moritz: Das ist der Plan (lacht). Ich habe das Riesenglück, dass ich mit den Jungs gleich drei Pferde habe, mit denen ich im Weltcup starten kann. Mit Cadeau habe ich zunächst Herning Mitte Oktober geplant. Das ist auch wirklich interessant bei ihm: Er braucht den Vier-Wochen-Turnier-Rhythmus. Wenn er beispielsweise mal drei Monate kein Turnier geht, wird er schon mal hengstig. Man sieht ihm das gar nicht so an, aber ich spüre das beim Reiten. Er braucht seinen Rhythmus. Und ich weiß inzwischen auch ganz gut, welches Pferd sich auf welchem Turnier am wohlsten fühlt. Cadeau und Herning – das passt, denke ich 😀.

Bye bye Wien, weiter geht’s im Weltcup!
Fotos: © EQWO, Petra Kerschbaum


