Einen neuen Irrweg vermeiden
Weiter geht‘s meinem neuen Format: Darf ich mal fragen? Es trudeln herrlich interessante Fragen bei mir ein und (fast alle) konstruktiv. Das ist wunderbar!
Darf ich mal fragen? Frage 2: Der internationale 5*-Dressurrichter Christof Umbach ist der Experte, der die Frage beantwortet hat.
(Wer weitere Infos zu dem neuen Format bei dressursport.kim sucht – HIER).
Frage 2:
Es läuft ja schon länger die Diskussion, ob man das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen mit in die Grand Prix-Aufgabe aufnimmt. Ich frage mich, warum? Sollte man nicht auch ohne die Lektion erkennen können, ob ein Pferd losgelassen ist und positiv an die Hand heranzieht? Wo ist der Mehrwert? Oder liegt der Gedanke lediglich darin, dass dann auch jeder Zuschauer sehen kann, ob sich das Pferd nach vorwärts-abwärts dehnt? Hinzu kommt die Frage: Wird es im Aussitzen oder Leichttraben zu reiten sein? Und ich erinnere mich schon an mehrere Vorstöße, die Grand Prix-Aufgaben eher zu kürzen, sie kurzweiliger zu machen – wäre das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen nicht ein Schritt in die gegenläufige Richtung? Diese Fragen beschäftigen mich wirklich und ich wäre froh, dazu eine versierte Stellungnahme lesen zu können. Herzlichen Dank.
***Anmerkung der Redaktion: Der Beschluss für die neue Grand Prix-Aufgabe inklusive Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen muss nur noch bei der FEI Generalversammlung abgesegnet werden, dann gilt sie ab 1.1.2027 (s. HIER)
Und hier ist die Antwort von Experte Christof Umbach:
“Ja, das ist eine berechtigte bzw. mehrere berechtigte Fragen, auf die ich gerne eingehe.
Jedes Pferd sollte dazu in der Lage sein, das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen zu zeigen, wenn es denn gut gymnastiziert wurde. Ich stimme dem auch zu, dass man im Grunde genommen sehen sollte, ohne diese Lektion abzufragen, ob ein Pferd an die Hand heranzieht, ob es durch den Körper arbeitet und ob die Verbindung von der Aktivität der Hinterhand durch den Körper zum Pferdemaul hin in Ordnung ist.
Aber ich denke, es macht eine Grand Prix-Aufgabe nicht langweiliger, sondern eher interessanter, wenn wir Pferde mit guten Piaffen und Passagen sehen, und uns zugleich gezeigt wird, ob sie aus der höchsten Versammlung heraus – nach den Pirouetten – in der Lage sind sich direkt ans Gebiss heranzudehnen. Das macht Dressur aus, das macht Losgelassenheit aus. Die Formulierung von Losgelassenheit bedeutet ja nicht nur, dass das Pferd locker ist, sondern auch, dass es sich positiv anspannen lässt und daraus unmittelbar wieder in die Dehnungshaltung bringen lassen muss.
Das ist ein Punkt. Noch wichtiger ist für mich die Tatsache, dass zu Hause das trainiert wird, was in Aufgaben abverlangt wird. Wenn wir uns recht erinnern, sind wir schon einmal einem Irrglauben aufgesessen. Wir Richter genauso wie Trainer und Reiter haben dabei mitgemacht, dass wir mehr Wert auf spektakuläre Tritte, mehr Wert auf Ausdruck gelegt haben, was dann auf Kosten der Losgelassenheit ging. Damit das nicht mehr passiert, denke ich, wäre es ein Schritt in die richtige Richtung, das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen in den Grand Prix mit einzubauen. Um genau das zu vermeiden, dass wir uns erneut auf einen Irrweg begeben könnten.
Was die Zeit anbelangt: Ich glaube, es sind 10 bis 15 Sekunden, die die Aufgabe durch das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen länger wird. Die Schrittphase wird in dem Grand Prix etwas verkürzt, dadurch können wir ein bisschen Zeit gewinnen. Der versammelte Schritt wird nicht mehr auf dem Hufschlag geritten, sondern auf der Verbindungslinie von H nach M. Somit ist er gleichzeitig auch besser sichtbar für alle Richter.
Auf die Frage, ob das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen im Aussitzen oder Leichttraben geritten werden wird? Das wird optional sein, zumindest ist das unser Vorschlag. Wichtig ist nicht, ob der Reiter nun leichttrabt oder aussitzt. Wichtig ist zu sehen, ob das Pferd in die Dehnungshaltung kommt und dabei mit der Hinterhand aktiv weiter unter den Schwerpunkt arbeitet.
Ich glaube, dass es für die Zukunft einen Mehrwert bringt, dass das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen unseren Sport und eine Prüfung noch interessanter machen kann. Vielleicht ist es auch für die Zuschauer interessanter.
Das ist mein Gedanke, aber das ist natürlich nicht der Grund. Der Grund ist vielmehr, dass wir uns alle nochmal wirklich verinnerlichen, dass Durchlässigkeit vor Ausdruck kommt. Und dafür ist das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen definitiv ein Schritt in die richtige Richtung.”
🙏 Danke für die konstruktive Frage und an Christof Umbach für die ausführliche Antwort!
Frage 3 ist schon in Bearbeitung 🤓
❗Und noch einmal der Hinweis: Die Fragen werden wahlweise mit oder Namen veröffentlicht. Es geht nicht um Personen, es geht hier um die Sache, um mehr Verständnis.


