„Es gibt nicht die beste Position.“

Es geht los mit meinem neuen Format: Darf ich mal fragen? Ich gebe zu, ich bin noch nicht von Fragen überschüttet worden, aber die, die bei mir ankommen, sind durch die Bank konstruktiv und interessant. So darf es sehr gerne weitergehen…

Darf ich mal fragen? – Frage 1 kommt von Marius Scholz, Olympiarichter Henning Lehrmann ist der Experte, der die Frage beantwortet hat.

(Wer weitere Infos zu dem neuen Format bei dressursport.kim sucht – HIER).

Frage 1:

Liebe Frau Kreling, 
eine Frage, die mich als großen Fan des Dressursports schon lange beschäftigt: Warum müssen eigentlich alle Richter jede Lektion bewerten?
Wenn wir davon ausgehen, dass die Kriterien für eine gute Piaffe klar und für alle gleich sind, müsste doch entscheidend sein, wer die beste Sicht auf die jeweilige Lektion hat. Warum also nicht die Richter gezielt die Lektionen bewerten lassen, die sie aufgrund ihrer Position am zuverlässigsten beurteilen können – gegebenenfalls auch mit mehreren Richtern und entsprechender Gewichtung?
Denn wenn es immer wieder heißt: „Richter A sieht es eben anders als Richter B“ oder „Von dieser Position konnte man das nicht so gut erkennen“, stellt sich für mich die Frage, warum man dieses Problem nicht bereits im Bewertungssystem berücksichtigt.
Im Fußball würde schließlich auch nicht jeder Schiedsrichter gleichzeitig über jedes Foul oder jede Abseitsposition entscheiden. Die jeweilige Perspektive ist Teil der Beurteilung.
Mir geht es dabei ausdrücklich nicht um Kritik an einzelnen Richtern, sondern um die Frage, wie man den Sport noch reliabler, transparenter und zukunftsfester machen kann. Gerade im Hinblick auf KI und technische Möglichkeiten sollte doch der Anspruch sein, die menschliche Expertise dort einzusetzen, wo sie den größten Mehrwert bietet – und menschliche Fehlerquellen, wie Ermüdung oder eine ungünstige Perspektive, möglichst systematisch zu reduzieren.
Vielleicht wäre genau das eine spannende Frage für die Diskussion: Warum bekommt nicht der Richter die Lektion zur Bewertung, der sie aufgrund seiner Position am zuverlässigsten beurteilen kann?

Und hier ist die Antwort von Experte Henning Lehrmann, der Olympiarichter in Paris war:

„Es gibt verschiedene Gründe, warum es zu unterschiedlichen Noten kommen kann. Der häufigste Grund liegt tatsächlich in den verschiedenen Positionen. Aber man kann keine Lektion nur von der besten Position bewerten. Es gibt nicht die beste Position. Nehmen wir das Beispiel Piaffe. Es gibt Piaffen, bei denen gebe ich von der Seite eine 8 und von vorne 5,5, weil sie im Seitenbild sehr gut aussehen und von vorne deutlich schwanken.

Jetzt könnte man ja sagen, dass dann nur der Richter von vorne bewertet. Aber: Wenn nur der Richter von vorne eine Note gibt, beispielsweise eine 8, weil die Piaffe schön gerade ist und er sieht, dass sich das Pferd im Takt bewegt, dann kann aber der Seitenrichter vielleicht die 5 geben, weil die Bewegung eher einer Passage auf der Stelle ähnelt als einer Piaffe. Das Pferd ist hinten nicht gesetzt und nimmt keine Last auf.

Dieses System gilt für fast jede Lektion. Ein weiteres Beispiel: die Traversale. Da gibt es Pferde, die von vorne eine 9 kriegen, weil sie toll gebogen sind, schön kreuzen und sich im Fluss bewegen, aber von der Seite gibt es nur die 6 oder 7, weil das Pferd deutlich eng im Hals ist. Das sieht man von vorne nicht. Jetzt könnte man wieder sagen, dann soll nur der Seitenrichter bewerten, aber wenn sich das Pferd eher im Schenkelweichen bewegt, ohne Biegung und Stellung – das kann man von der Seite nicht erkennen.

Noch ein drittes Beispiel: der starke Trab. Der Richter, der den starken Trab von der Seite beurteilt, hat oftmals die beste Position, um auch die Reinheit der Gänge zu sehen. Aber ich habe beispielsweise bei der Weltmeisterschaft der jungen Dressurpferde in Verden ein Seminar gegeben und einige Ritte kommentiert. Bei einem Pferd fand ich den Trab super und hätte ihn mit einer 9,5 bewertet. Das Ergebnis der Richter lag bei 8,3. Im ersten Moment dachte ich, das die Note ziemlich niedrig sei. Dann kam der Kommentar aus dem Richterhäuschen, der erklärte, dass das Pferd in den Verstärkungen in der Hinterhand breit wurde. Das erklärt die Note, dann muss man etwas abziehen.

Deswegen: Die unterschiedlichen Positionen der Richter machen durchaus Sinn.

Fazit ist, dass wir als Richter, und das wissen wir, damit leben müssen, dass es zu unterschiedlichen Noten kommen kann und von außen gesagt wird: Die Richter sind sich in der Einzellektion überhaupt nicht einig. Ich will es nicht schönreden. Es gibt natürlich auch den Fall, dass ein Richter mal etwas übersieht oder dass man unterschiedliche Meinungen hat. Das ist ein anderer Punkt. Klar ist, dass es keine beste Position gibt. Es ist die Kombination aus allen Blickwinkeln, die das kompletteste Ergebnis ergibt.

Aus meiner Sicht ist das beste ‚Mittel‘, um noch mehr Transparenz und Verständnis für die Noten zu entwickeln, der öffentliche Kommentar. Das hilft, die Noten zu verstehen und auch die Notwendigkeit der verschiedenen Positionen.“

🙏 Danke an Marius Scholz für die konstruktive Frage und an Henning Lehrmann für die ausführliche Antwort!

Frage 2 ist schon in Bearbeitung 🤓

❗Und noch einmal der Hinweis: Die Fragen werden wahlweise mit oder Namen veröffentlicht. Es geht nicht um Personen, es geht hier um die Sache, um mehr Verständnis.