“Fast wie ein wunderbarer Rausch”

Von zwiegespaltener Liebe und einem erstaunlichen ‚Nichts‘, von akzeptierter Anspannung und dem Großwerden mit Drucksituationen und mit einem fast philosophischen Gedankeneinstieg… Morgen geht er los, der Nationenpreis in Hagen und Raphael Netz ist im Team.

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Das dressursport.kim-Gespräch mit Raphael Netz.

Great Escape Camelot und Raphael Netz.
©EQWO, Petra Kerschbaum

dressursport.kim: Raphael, Du bist 27, selbstständiger Profireiter mit Leib und Seele. Wie ist das so, Dein Leben als Profireiter?

Raphael Netz: Das Leben als Profireiter ist alles andere als einfach. Es bedeutet, auf unzählige Dinge zu verzichten, Disziplin zu zeigen und das eigene Leben komplett dem Sport unterzuordnen. Freizeit ist selten – stattdessen bestimmen Training, Turniere und Verantwortung den Alltag. Und trotzdem kann ich mir definitiv kein anderes Leben vorstellen. Es ist wie eine zwiegespaltene Liebe. Man ist oft wochenlang angespannt, vor wirklich wichtigen Events oder Entscheidungen, und diese Anspannung fällt auch danach nicht einfach von einem ab. Aber wenn dann alles so aufgeht, wie man es sich erhofft und hart erarbeitet hat, ist dieses Gefühl einzigartig. Fast wie ein wunderbarer Rausch.

dressursport.kim: Morgen geht’s los, der Nationenpreis in Hagen und Du bist im Team. Wie geht’s Dir?

Raphael Netz: Mir geht es gut, Camelot ist fantastisch drauf. Er hatte nach Balve erstmal – wie immer nach einem Turnier – Urlaub und ich habe dann Richtung Hagen das Training wieder aufgenommen. Als der Anruf kam, dass wir im O-Team sind, hat sich, außer für meine Nerven, vorerst für Camelot nichts geändert. Die Vorbereitung ist die gleiche für ihn. Er weiß ja auch nicht, ob wir die I- oder O-Tour reiten, am Ende reiten wir einen Grand Prix und eine Kür oder einen Spezial.

dressursport.kim: Das heißt, Du hast Dich noch nicht entschlossen, ob Du Kür oder Spezial reitest?

Raphael Netz: Ich reite beides gerne. Durch die Weltcup-Turniere kennen wir unsere Kür in- und auswendig und ich bin jetzt auch zweimal wieder mit Camelot Special geritten, also, uns ist es relativ egal, ob wir das eine oder das andere reiten. Da kann ich mich nach meinen Teamkollegen und der Entscheidung der Bundestrainerin richten. Aber zugegeben, ich liebe Kürreiten  Man kann in der Kür so schön geschickt Stärken und Schwächen ausarbeiten. Das ist, finde ich, eine sehr interessante Art und Weise, eine Prüfung zu reiten.

dressursport.kim: Du bist erst einmal mit Camelot im Nationenpreis-Team gewesen, das war 2023. Seither nie wieder – wie kommt’s?

Raphael Netz: Das lag daran, dass ich immer mehr den Fokus auf dem Weltcup hatte und man möchte mit einem Pferd ja auch nicht zu viel reiten. Ich war beispielsweise im vergangenen Jahr auch im Nationenpreis-Team in Compiègne, das allerdings mit Dieudonné, weil er zuvor noch nicht im Weltcup unterwegs war.

dressursport.kim: Jetzt bist Du wieder Team und dann auch noch bei einem besonders wichtigen Nationenpreis. Was macht das mit Dir?

Raphael Netz: Nichts. (lacht) Ich mache genau das gleiche, was ich immer tue. Das ist das Einzige, was ich tun kann. Ich konzentriere mich auf mein Pferd und versuche, ganz bewusst im Hier und Jetzt zu sein und zu bleiben. Ich male mir nicht aus, was gehen kann, was nicht gehen kann. Und deswegen ist diese Antwort, die gerade wie aus der Pistole geschossen kam, die pure Wahrheit: Nichts – außer Freude und ehrlich gesagt auch etwas Stolz, es ins Team geschafft zu haben. Mein Pferd weiß nicht, wo der Unterschied zwischen I- und O-Tour ist oder zwischen Hagen oder Balve. Ich weiß es genau. Pferde sind natürlich hochsensibel und merken alles Mögliche, was man als Reiter fühlt. Ich öffne mich auch meinen Pferden, weil ich sowieso nichts vor ihnen verstecken kann. Und ich akzeptiere auch, wenn ich angespannt bin. Das ist ja nichts Verbotenes. Ich sage zu mir selber: Okay, ich bin aufgeregt. Das darf man auch sein, solange ich mich davon nicht lähmen lasse. Ich probiere immer, die Anspannung anzunehmen, zu akzeptieren und dann für mich zu nutzen. Ich bin einfach dankbar und froh darüber, dass ich im O-Team an den Start gehen darf.

dressursport.kim: Das ist aber nicht so einfach. Das ist etwas, was man lernen muss, oder?

Raphael Netz: Ich glaube, ja. Dafür bin ich meinem Werdegang sehr dankbar, weil ich schon als kleines Kind, wenn man noch leichter zu prägen ist, damit groß geworden bin. Mit 13 war ich in der U16-Nationalmannschaft. Ich habe es zwar nie bis zur Euro geschafft, aber bin auf den Sichtungen geritten und habe spannende Situationen schon im jungen Alter erlebt. Und durch die vier U25-Europameisterschaften habe ich natürlich auch gelernt, mit Drucksituationen umzugehen. Wenn man damit groß wird, ist es definitiv einfacher.

dressursport.kim: Eine Frage muss ich noch stellen: Ist die WM irgendwo in Deinem Hinterkopf oder verdrängst Du jeden Gedanken in diese Richtung?

Raphael Netz: Ja, natürlich ist die im Hinterkopf. Es sind gar nicht unbedingt meine eigenen Gedanken, die dahin abdriften, sondern ich werde, wie jetzt auch von dir, ständig darauf angesprochen – sogar noch in der Wintersaison, am Ende des Weltcups, als klar war, dass wird mit zum Finale fahren. Wir haben ja auch ziemlich lange die Westeuropa-Liga angeführt, schon da kamen immer mal Kommentare in Richtung Aachen. Die habe ich wegignoriert, aber jetzt hat sich das immer weiter zugespitzt. Das macht natürlich etwas mit einem. Es ist gar nicht so einfach, das nicht an einen heranzulassen. Aber ich möchte nicht von irgendetwas träumen oder gedanklich abdriften, sondern einfach bei der Sache bleiben.

HIER gibt es mehr Infos zum Nationenpreis in Hagen.