Leonie Richter: “Ich bin super happy!”
„Mir geht’s sehr gut! Es macht super viel Spaß und ich habe nach wie vor richtig gute Pferde.“ Seit sieben Monaten ist Leonie Richter selbstständig – zurück zu Hause auf der familieneigenen Anlage in Bad Essen – und fühlt sich pudelwohl. Der Weg der 30-jährigen in die Selbstständigkeit war geprägt von Passion und Fleiß, aber auch von familiärer Unterstützung durch Mutter Sabine, Vater Klaus und der Deutschen Kür-Meisterin der U25-Dressurreiter von 2021, Leonies Zwillingsschwester Ellen. Eine Familie, eine Leidenschaft!
Ein wunderbarer Besuch bei Familie Richter mit Bildern von www.sportfotos-lafrentz.de.

Pferde – das A und O der Familie
© www.sportfotos-lafrentz.de/Stefan Lafrentz
Am Dienstag, 30. Juni, findet in Warendorf die zweite Sichtung für die WM der jungen Dressurpferde statt. Beide Zwillinge haben den Sprung in die zweite Sichtung geschafft: Leonie und Ellen Richter! Leonie mit dem siebenjährigen Glamdale WP NRW (v. Glamourdale – Millennium, Z. und B.: ZG Pleines), Ellen mit dem fünfjährigen DSP Lord Löwenherz von Bellin (v. Lord Europe – United, Z. und B.: MJS Gestüt von Bellin). Eine weitere Sprosse auf der Erfolgsleiter der Richter-Zwillinge.

Die Richter-Zwillinge: Ellen auf DSP Lord Löwenherz (li), Leonie auf Vitella (re)
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„Pferde sind in unserer Familie das A und O, im Grunde dreht sich alles um Pferde“, erklärt Mutter Sabine und ergänzt lachend: „Manchmal ist es fast schon zu viel.“ Früher seien sie auch einmal im Jahr eine Woche in Urlaub geflogen, ohne Pferde. „Wir haben dann weniger über Pferde gesprochen, aber ganz ohne ging es nicht.“
Auf dem Pferd sind die Beiden aus der Ferne kaum zu unterscheiden. Sie sehen nicht nur verdammt ähnlich aus, sie sitzen und reiten auch ähnlich. Man sieht: Sie haben dieselbe Schule durchlaufen, dieselben Trainer gehabt und haben nicht zuletzt dieselben Gene. Dennoch gibt es Unterschiede: „Ellen ist ein Kopfmensch und Leonie ein Bauchmensch“, fasst Vater Klaus die Zwillinge zusammen. „Ellen hat immer genau ihren Plan und wenn alles nach Plan läuft, funktioniert das top. Leonie steigt einfach auf und dann geht das schon. Das war schon immer so, auch früher in der Schule.“ Ellen schmunzelt: „Ich bin vielleicht noch etwas perfektionistischer.“ Ein Beispiel: Die Zwillinge fahren gemeinsam aufs Turnier. Leonie packt den Sattelschrank, zack, zack, fertig. Ellen holt alles wieder raus, packt erneut und der Sattelschrank ist so ordentlich eingeräumt, dass er für jede Katalogaufnahme perfekt wäre.

Leonie und Lord Europe auf der Reitanlage Richter in Bad Essen
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Die Idee war eine andere…
Die Idee der Eltern war zunächst eine andere: „Ellen und ich, wir waren immer beide sehr ehrgeizig“, erzählt Leonie schmunzelnd. „Meinen Eltern wäre es lieber gewesen, wenn eine Dressur und die andere Springen geritten hätte, dann wäre gar keine Konkurrenz aufgekommen.“ Vor allen Dingen Vater Klaus, einst selbst im Springsattel erfolgreich, hätte gerne eine seiner Töchter im Parcours angefeuert. „Aber wir wollten beide von Anfang an lieber Dressur reiten – da gab es auch keine Diskussion“, erklärt Leonie grinsend. Natürlich sei die Berittmachung beider Töchter stets eine Herausforderung gewesen. „Es war auch nicht so, dass Geld keine Rolle spielte. Ich habe beispielsweise als Juniorenpferd eine selbstgezogene Stute, Romanova, geritten. Mit ihr war ich sehr erfolgreich und habe mein komplettes Goldenes Reitabzeichen mit ihr erritten. Mit 14 war ich Reserve für das Junioren-Team, Hans-Heinrich (Meyer zu Strohen, Nachwuchs-Bundestrainer) hat mich immer Küken genannt.“ Aber auf Übernachtungsturnieren sei Romanova immer nerviger geworden und irgendwann musste das Paar den Kader wieder verlassen. Dann hatte Ellen ein Pferd, mit dem sie Junioren-Euro reiten konnte. „Das hat sich immer ausgeglichen – mal hatte der eine mehr Erfolg, mal der andere“, erzählt Leonie. Und dann kam Babylon. „Auf dem musste ich mir wirklich alles erkämpfen“, erinnert sich Leonie, „aber er war nie guckig. Nach der nervigen Romanova, bei der man nie wusste, was passiert, war das genau meins.“ Mit Babylon gehörte Leonie 2016 zum Goldteam der Jungen Reiter und sicherte sich Einzelsilber. Gemeinsam waren Leonie und Ellen nie im Team. „Das wäre auch cool gewesen“, erklärt Leonie, „aber so war es auch gut.“

Jeder packt mit an: Familie Richter im Teamwork – Leonie, Ellen, Klaus und Sabine. Im Mittelpunkt: Vitella.
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Handmade by Familie Richter
Der Vater hat Maschinenbau studiert und hatte einen Vollzeit-Job, die Mutter hat zunächst im Büro gearbeitet, sich dann aber ganz den Zwillingen und ihrer reiterlichen Laufbahn gewidmet. Vor 25 Jahren hat Familie Richter den kleinen Hof in Bad Essen gekauft und seither dort fünf, sechs oder sieben Pferde gehalten. Bis zum Einzug von Leonies Selbstständigkeit mit 13 Berittpferden hat die Familie nie einen Angestellten gehabt, sämtliche Pferde wurden immer komplett versorgt, gefüttert, gemistet – handmade by Familie Richter. „Wenn wir mal in Urlaub gefahren sind, war das immer eine Riesenaktion, jemanden zu finden, der sich hier um die Pferde kümmert.“

“Andere Kinder hatten es einfacher…”, resümieren Klaus und Sabine Richter.
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„Erfolg ist schön, aber für uns war noch wichtiger…“
Rückblickend auf die Anfänge im Ponykader ihrer Töchter sind sich die Eltern Sabine und Klaus einig: „Andere Kinder hatten es vielleicht einfacher, viele hatten jemanden, der die Ponys mitritt. Ganz zu Anfang habe ich das auch gemacht“, erklärt die Mutter, „aber eigentlich haben sie ihre Ponys und später auch die Pferde immer allein geritten. Wir waren immer der Meinung, sie müssen sich selbst mit ihrer Reiterei auseinandersetzen, sie müssen selbst das Gefühl kriegen.“ Und noch etwas war beiden wichtig: Dass Leonie und Ellen regelmäßig guten Unterricht bekommen. „Erfolg ist schön, aber für uns war noch wichtiger, dass die Zwillinge wirklich gut reiten, dass sie Pferde reell ausbilden.“
Zunächst hat die Mutter selbst das Training der Kinder übernommen, bald fuhr sie aaber mit den Zwillingen einmal pro Woche zu Miriam Johannsmann oder zu Oliver Oelrich. „Meine Mutter hat uns dann meistens direkt mit dem Hänger von der Schule abgeholt, wir haben uns im Auto umgezogen und los ging’s.“

Leonie beim lockeren Training mit MSJ Tokyo Style
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Heute kommt Holga Finken regelmäßig zum Unterrichten nach Bad Essen, mit ihm hat Leonie auch in Syke trainiert. „In Syke hat Ulf (Möller) jeden Tag immer mal ein Auge auf mich geworfen, im ersten Jahr kamen außerdem Oliver Oelrich und Hans-Heinrich Meyer zu Strohen regelmäßig, dann hat Holga Finken das Training übernommen.“ Holga Finken begleitet hauptsächlich das Training von Leonie und Lord Europe.

Der Star im Stall: Lord Europe und seine Ausbilderin und Reiterin Leonie Richter
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Im Spätsommer 2022 hat Leonie den Beritt des Lord Leatherdale-Sohns Lord Europe übernommen, damals war er sechs. Siebenjährig hat sie den Hengst im Finale des Nürnberger Burg-Pokals präsentiert. Das Paar belegte Platz zwei und gewann den Siegerpreis am Abend in der jubelnden Frankfurter Festhalle. Im Juni 2025 sicherte sich das Paar in Hamburg sein Finalticket für den Louisdor-Preis im Dezember. 2026 sind sie bereits auf internationalem Fünf-Sterne-Grand Prix-Parkett erfolgreich unterwegs und waren erstmals bei der Deutschen Meisterschaft in Balve dabei: Platz acht in der Kür.
Neben Finken reist auch der Bundestrainer der deutschen Nachwuchsreiter, Meyer zu Strohen, häufig nach Bad Essen. Er trainiert mit Leonie alle anderen Pferde neben Lord Europe und wenn es bei Ellen zeitlich passt, klinkt sie sich auch gerne mit dem ein oder anderen Pferd ein. Und auch Cheftrainerin Monica Theodorescu wirft regelmäßig ein Auge auf das Training von Leonie und Lord Europe.

Leonie mit WM-Kandidat Glamdale
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Leonie – Vollzeit im Sattel
Leonie hat nach dem Abitur BWL studiert und eineinhalb Jahre in der Personalabteilung eines Bauunternehmens in Osnabrück gearbeitet, aber sie gesteht schmunzelnd: „Ich war da relativ unglücklich, weil ich den halben Tag im Büro sitzen musste und nicht reiten konnte. Eigentlich wollte ich immer beruflich reiten. Das Studium habe ich mehr für meine Eltern gemacht.“ Nebenher hat sie schon immer auf der familieneigenen Anlage in Bad Essen ihre beiden eigenen und zwei oder drei Berittpferde geritten. Dann erhielt sie ein Angebot von Familie Koch und saß fortan halbtags im Stall Koch im Sattel und halbtags zu Hause. Es war ihr langjähriger Trainer Oliver Oelrich, der die Verbindung zu Helgstrand Dressage herstellte.
Nach viereinhalb Jahren als Bereiterin von Helgstrand Deutschland in Syke hat sich Leonie am 1. Dezember 2025 auf der elterlichen Anlage selbstständig gemacht. Der Hof wurde umgebaut, die Halle von 35 Metern auf 50 Meter Länge erweitert und ein zusätzlicher Stalltrakt für Leonies Berittpferde kam hinzu.
In Syke hat Leonie sehr viele verschiedene Pferde geritten, viele Pferde mit sehr guter Qualität. Allein bei den Weltmeisterschaften der jungen Dressurpferde hat sie in der Zeit fünf Pferde vorgestellt, darunter Vitalos, Global Player OLD und im vergangenen Jahr den siebenjährigen Most Wanted Nero von Bellin. Mit den dreien hat sie sich insgesamt fünf WM-Silbermedaillen gesichert. „Natürlich hatte ich Sorge, dass die extrem gute Qualität der Pferde etwas einbricht, wenn ich von Syke weggehe und mich selbstständig mache“, erklärt Leonie. „Aber ich habe nach wie vor sehr gute Pferde und bin super happy.“ Zwölf Berittpferde stehen in ihrem Stall, hinzu kommt ein Vierjähriger eigener und ein dreijähriger Vitalos-Sohn, den sie als Fohlen mit ihrem Freund gekauft hat. Er steht noch auf der Weide. Der Plan mit den eigenen Pferden steht: ausbilden und verkaufen. „Meine Eltern haben das immer so gemacht, mein Vater im Springen und meine Mutter mit Dressurpferden, beide neben ihrer Arbeit. Ich bin so groß geworden, dass sich die Pferde irgendwie finanzieren müssen.“

Ellen schlüpft in der Mittagspause gerne in die Reitklamotten.
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Ellen – 30 Stunden Büro, dann im Sattel
Morgens früh oder in ihrer Mittagspause stößt auch Ellen beim Reiten dazu. Sie hat einen 30-Stunden-Job in einer Marktforschungsfirma und reitet täglich drei bis vier Pferde. Während Leonie auf dem elterlichen Hof wohnt, hat Ellen eine Wohnung mitten in der Stadt, in Osnabrück, hat ihr Homeoffice aber auch auf dem Hof eingerichtet. So kann sie vor der Arbeit oder in der Pause schnell in die Reithose schlüpfen. Für Ellen war im Gegensatz zu Leonie immer klar, dass sie nicht hauptberuflich reiten möchte. „Ich wollte nie vom Reiten und den Pferden komplett abhängig sein“, erklärt sie. „Aber es war auch immer klar, dass ich auf jeden Fall immer reiten möchte. Für mich ist es perfekt so wie es ist.“

Gemeinsame Leidenschaft im Sattel: Ellen und Leonie Richter
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Zwillinge mit Durchsetzungsvermögen
„Unsere Mutter wollte immer supergerne, dass wir auch noch etwas anderes ausprobieren. Sie wollte uns zum Beispiel im Tennisverein anmelden und vermeiden, dass wir irgendwann mal sagen, dass wir zur Reiterei gedrängt worden sind. Aber wir wollten absolut nichts anderes machen – weder ein Instrument lernen noch einen anderen Sport. Wir haben uns strikt geweigert. Im Nachhinein hätte ich gerne Ballett gemacht, für die Körperhaltung. Ellen und ich, wir haben beide zu Mama gesagt: Warum hast Du uns nicht einfach gezwungen? Aber wir waren wohl beide sehr durchsetzungsstark (lacht).“
Am Dienstag in Warendorf wird jede für sich, Ellen und Leonie, und doch gemeinsam bei der zweiten WM-Sichtung antreten und wer sich genau umschaut, wird sicher auch die Mutter, den Vater oder beide am Viereckrand sehen. Eine Familie, eine Leidenschaft!

Nicht zu unterschätzen und immer auf Achse: Hofchef Timmy!


