Die “andere” Isabell Werth – Teil II
„Ich bin mit dem, was ich tue, sehr erfüllt. Es bedeutet aber auch viel Engagement, Verantwortung und Flexibilität.“
Von all dem hat Isabell Werth nach 57 Championatsmedaillen und 18 Deutsche Meistertiteln immer noch jede Menge. Mit Engagement hat sie innerhalb von vier Monaten im Speedtempo eine Hengststation in Rheinberg gebaut, mit Verantwortung – auch gegenüber Sohn Frederik – plant sie für die Zukunft und flexibel ist praktisch ihr zweiter Vorname…

Viva Gold OLD und Isabell Werth
© www.sportfotos-lafrentz.de
20 Jahre nach WM-Gold mit Satchmo in Aachen 2006 ist die WM in Aachen erneut das große Ziel für Isabell Werth – und das gleich mit zwei ‚heißen Eisen‘ im Feuer. Ihre Goldpartnerin von den Olympischen Spielen in Paris ist im besten Alter von zwölf Jahren: Wendy de Fontaine. „Wendy ist natürlich die Nummer 1a in Richtung WM“, bestätigt Isabell. „Ihre Entwicklung und das Gefühl auf ihr, gerade auf der Schlusslinie – das ist einfach gigantisch!“ Aber ein bildschöner junger Charmeur ist der imposanten Rappstute auf den Fersen: der zehnjährige Viva Gold OLD von Vivaldi, ein Enkel von Werths Erfolgsstute Weihegold. Werth ist begeistert mit welcher Selbstverständlichkeit der Dunkelfuchs höchste Schwierigkeiten absolviert und schwärmt: „Dieses Pferd ist außergewöhnlich talentiert, einfach großartig!“ Zwei Pferde, mit denen sie den Sichtungsweg für Aachen anstrebt, Wendy hat gerade mit dem Sieg im Fünf-Sterne-Nationenpreis von Fontainebleau eine sehr überzeugende Visitenkarte zu Saisonbeginn abgelegt.

Quantaz im Kuschelmodus.
© www.sportfotos-lafrentz.de
Auch Championatspartner DSP Quantaz ist nach einer kurzen Verletzungspause wieder im Training und wäre im Fall der nicht zu hoffenden Fälle der Backup-Partner für die WM. Sechsmal war sie schon dabei, mit bisher fünf verschiedenen Pferden und zwölf Medaillen, davon acht Goldmedaillen, vier mit dem Team und vier in der Einzelwertung. Aachen 2026 könnte Werths siebte WM-Teilnahme werden. An einem Ort, an dem sie schon häufig besondere Momente erlebt hat. Aachen, wo sie bereits 15 Mal den Großen Dressurpreis gewann. Aachen, wo sie bei den Weltreiterspielen 2006 ihre vielleicht berührendste Medaille feierte. Mit Satchmo ritt sie vor 20 Jahren dort zu Teamgold, Kürbronze und Einzelgold im Grand Prix Special. Der Weg zu dieser Einzelgoldmedaille war unfassbar lang, fordernd und speziell, diese Prüfung mit dem hocheleganten und sensiblen Sao Paulo-Sohn eine der perfektesten der Dressursportgeschichte. Die Tränen im großen Aachener WM-Stadion kullerten vielfach.

Isabell Werth und Rentner Satchmo – auf dem Bild war er 22 und genoss seine Rente in Rheinberg weitere sechs Jahre.
© www.sportfotos-lafrentz.de
Hinter ihren Top Drei kann Isabell Werth aktuell eine erstaunliche Aufstellung von Nachwuchspferden präsentieren: „Ich freue mich zum Beispiel sehr auf Joshi.“ Joshi, Joshua, ist ein zwölfjähriger Sohn des Sezuan, der bisher nur wenige Turniere gegangen ist, das letzte im Mai 2025. „Joshi hatte eine kleine Verletzungspause und weil er so groß ist, haben wir ihm auch noch mal länger Zeit gelassen zum Auskurieren, aber er ist gut drauf und ich gucke mir jetzt ein Turnier aus, wo ich wieder mit ihm einsteigen kann.“
Auf dem Weg zum Grand Prix-Sport hat sich in Deutschland der Louisdor-Preis für die acht- bis zehnjährigen Grand Prix-Nachwuchspferde bewährt. Nahezu jedes Jahr ‚mischt‘ Isabell Werth in dieser Serie mit, war fünfmal im Finale und hat es dreimal gewonnen – so häufig wie kein anderer Reiter. „Ich habe dieses Jahr vielleicht zwei Pferde, die sich in den Louisdor-Preis hineinentwickeln können: Be Sure und Back for Good. Beide sind sehr talentiert, aber ich brauche mit ihnen erst noch ein kleineres Turnier, um zu sehen, wie das mit der Inter II schon klappt.“ Der achtjährige Be Sure von Benicio gehörte bereits im vergangenen Dezember unter Leonie Richter zu den Nürnberger Burg-Pokal-Finalisten.
Für die Burg-Pokal-Saison 2026 hat Werth den siebenjährigen Hengst Feinsten v. Franklin in der Planung. Bei welcher Station sie mit ihm in die Serie einsteigen wird, steht noch nicht ganz fest. „Und ich habe zwei außergewöhnliche Sechsjährige im Stall“, erzählt sie und hat leuchtende Augen. „Zum einen ist das der Weltmeister der jungen Dressurpferde vier- und fünfjährig, Proud James. Das ist wirklich ein Ausnahmepferd von den Möglichkeiten und vom Charakter her.“ Der Schimmelhengst ist in den Niederlanden gezogen und ein Sohn des Jameson RS2. Auch dieses Jahr wird für den Doppelweltmeister wieder die WM-Teilnahme angestrebt: Dort soll ihn wieder die Dänin Mette Sejbjerg Jensen vorstellen, die ihn schon fünfjährig zum Titel geritten hat.

IW und ihr James-Duo: Proud James und Hund James.
© www.sportfotos-lafrentz.de
Der andere sechsjährige ist V-Power. V-Power ist ein Sohn von Werths Louisdor-Sieger Viva Gold und war bereits 2022 Körsieger in Westfalen. „Ihn möchte ich die Junge-Pferde-WM-Qualifikation reiten, wobei die beiden WMs sehr eng beieinander liegen. Wenn ich hoffentlich die große WM reiten darf, muss ich abwarten, wie die WM der jungen Dressurpferde zeitlich vereinbar wäre.“

RHEINBERG – Isabell WERTH (GER) Portrait / Homestory 2026
V-Power – eine große Nachwuchshoffnung von IW
© www.sportfotos-lafrentz.de
Zur Riege dieser außergewöhnlichen Hengste gehören auch noch ein paar jüngere, wie beispielsweise der vierjährige Daan G von Hesselhøj Donkey Boss, der Vize-Landeschampion in Hannover wurde und sich mit einem Schlussgebot von zwei Millionen Euro in die Geschichtsbücher des Verdener Hengstmarktes eingeschrieben hat. Ein Stall voller Pferde, eine Situation, um die nicht wenige Isabell Werth beneiden.

Alle mal die Ohren gespitzt – IW in ihrer neuen Hengststation und alle sind neugierig.
© www.sportfotos-lafrentz.de
Dieser Fundus an Hengsten steht nicht zufällig im Stall von Isabell Werth. Möglich macht das die Zusammenarbeit mit Andreas Helgstrand und die neu gebaute EU-Besamungsstation. „Ich arbeite schon seit einigen Jahren mit Andreas Helgstrand zusammen, das ist eine wirklich sehr gute, vertrauensvolle und unkomplizierte Zusammenarbeit, die mir viel Freude bereitet, weil ich auch immer wieder wirklich sehr gute, besondere Pferde in den Stall bekomme“, betont Werth. Als sich herauskristallisierte, dass Helgstrand Germany samt Hengststation aus Syke weggehen würde – auf dem Gestüt Famos waren die Helgstrand-Hengste zuvor zu Hause – wurde die Frage an Isabell Werth herangetragen, ob sie sich vorstellen könne, eine Hengststation auf ihrem Hof auszubauen. „Mir war ziemlich schnell klar, dass es seinen Reiz hat, den Hof so auszubauen und zu gestalten, dass sich auch das Leben nach dem Sport hier wiederfindet.“ Irgendwann müsse der Betrieb existieren, ohne dass sie selbst noch reite. „Wenn Frederik hier mal übernehmen möchte, was er zumindest jetzt anstrebt, ist es wichtig, dass ich das so entwickele, dass es auf mehreren Schultern trägt und für ihn eine Zukunft bedeuten kann.“ Frederik ist Isabells Sohn. „Frederik ist 16, er reitet selbst nicht, aber er hat viel Spaß an dem Drumherum, an der Landwirtschaft und Landschaftspflege. Und er interessiert sich für das Züchterische.“ Hinzu komme der Reiz dieser außergewöhnlichen Pferde. „Ich hatte schon immer das Glück großartige Pferde in meinem Stall zu haben, aber jetzt habe ich mit den Hengsten von Andreas (Helgstrand) nochmal zusätzlich ein ganz außergewöhnliches Potential an Pferden.“

Ein Stall voller Hengste – die neue Hengststation in Rheinberg
© www.sportfotos-lafrentz.de
“Was geht und was geht nicht”
Jeder wisse, wie schwierig es sei, gute Pferde zu bekommen und sie ausbilden zu können. „Natürlich wird ein Teil der Pferde auch immer wieder verkauft, das ist notwendig, um junge Pferde nachzukaufen und letztlich den Züchtern zur Verfügung stellen zu können. Trotzdem gelingt es das eine oder andere Mal, Investoren zu finden, die Freude haben, diese Pferde im Sport zu halten. Das reizt mich: Diese Kombination von Sport und Zucht zu schaffen und zu sehen, was geht und was geht nicht.“
Aus diesen Gedanken heraus ist die Idee eines Investmentfonds entstanden. Eine Idee, die noch Isabells verstorbener Mann, Wolfgang Urban, ins Leben gerufen hatte. Mit Hilfe von zwei Finanzberatern werden gerade letzte Feinheiten geklärt, bevor es mit dem Fonds in etwa zwei Monaten losgehen kann. „In diesen Fonds können Menschen investieren und mit dem Geld wollen wir dann Pferde kaufen, sie weiterentwickeln und wieder verkaufen. Das ist ein Projekt, auf das ich mich wirklich freue. Mir laufen immer wieder Pferde ‚über den Weg‘, aus denen man etwas machen könnte. Auf der anderen Seite bekomme ich umgekehrt auch sehr viele Anfragen für weiter ausgebildete Pferde. Aber ich habe nicht die Möglichkeit, um diese Pferde anbinden zu können. So kam die Idee mit den Investoren auf.“
Das Hauptaugenmerk liegt in Rheinberg weiter auf dem Turnierstall und Ausbildungsbetrieb, die Hengststation gilt als erstklassige Ergänzung. Seit der Corona-Zeit beschäftigt sich Werth auch etwas mehr mit dem Pferdehandel und… „meine Mannschaft, sprich meine Reiter, sind auch wirklich sehr gut.“ Die Bereiter Niklaas Feilzer und Lisa Wernitznig hätten sich enorm entwickelt. Die gebürtige Österreicherin Lisa wird mit Superb, die sie von Isabell Werth Ende letzten Jahres übernommen hat, sogar zur WM-Sichtung nach Österreich fahren. Niklaas hat bereits Valdiviani sehr erfolgreich in Inter II vorgestellt. Auch das Training von Schülern oder Teammitgliedern macht Werth riesigen Spaß.

Außen Führmaschine, innen Bewegungsraum für die Hengste.
© www.sportfotos-lafrentz.de / Stefan Lafrentz
Innerhalb von vier Monaten wurde die Hengststation auf dem Hof von Isabell Werth gebaut. „Das war schon außergewöhnlich. Da haben eine ganze Menge Menschen nicht geglaubt, dass das geht.“ Sie sei sich vorher allerdings nicht bewusst gewesen, wie umfangreich die Auflagen und Anforderungen an eine Hengststation seien. „Aber alle haben voll mitgezogen – von der Firma Viebrock, die die Station gebaut hat, bis zu allen, die im Verfahren involviert waren. Es wurde insgesamt sehr positiv bewertet, dass wir diese Hengststation erstens in Deutschland behalten und zweitens in dieser Region.“
Ein wichtiger Gedanke beim Bau sei gewesen, die Wege kurz, die Station kompakt zu halten. „Trotzdem muss es so getrennt sein, dass sich die Wege der Hengste nicht mit denen unserer anderen Pferde kreuzen. Die EU-Station muss eine eigene, in sich geschützte Einheit sein.“ In der EU-Station ist alles eigens vorhanden: riesige Fensterboxen, Putz- und Abspritzplätze, Solarium und eine sehr große Führanlage, die in der Mitte ein etwa 18 x 18 Meter großes Karree mit top Boden hat, um die Hengste zu longieren oder zu bewegen. In der Reithalle haben die Hengste ihre eigenen Zeitfenster, in denen dann nur sie gearbeitet werden, so dass auch da kein Kontakt zu den anderen Pferden entstehen kann. Michael Schmidt ist der Leiter der EU-Besamungsstation und managt die Hengste mit einem dreiköpfigen Team, darunter Britta Lienhardt, die frühere Pflegerin im Stall von Hubertus Schmidt, die sich im Umgang mit Hengsten bestens auskennt, Azubi und bereits Besamungswartin Virginia Spönle und Jörg Wassermeyer, der Neffe des ehemaligen Dressurausschuss-Vorsitzenden Ferdi-Jörgen Wassermeyer.

Britta und die Hengste – hier im Zwiegespräch mit V-Power
© www.sportfotos-lafrentz.de
„Ganz früh morgens wird abgesamt, in der Regel jeder Hengst jeden zweiten Tag. Dann wird der Samen zu Schockemöhle nach Mühlen gefahren und von dort, wie gehabt, der Vertrieb abgewickelt“, erklärt Werth. Aktuell sind die beiden sechsjährigen Hengste Proud James und V-Power vom Bekanntheitsgrad am weitesten verbreitet und haben sich auch schon mit ihren Nachkommen in Szene gesetzt. „Jetzt wird es spannend“, freut sich Isabell Werth, „weil ihre ersten Youngster dieses Jahr angeritten werden.“
Der Werth’sche Betrieb steht inzwischen auf vielen Standbeinen mit vielen Facetten – mit Engagement, Verantwortung und Flexibilität.
*Danke an Isabell, dass sie sich so viel Zeit für uns genommen hat. Und Danke an Stefan für die tollen Bilder.


