“… ein deutsches Dressurhengst-Nutzungsthema”

Ein Gestüt, ein junger Mann und Hengste – ein erfolgreiches ‚Gesamtpaket‘. Bonhomme, Moritz Treffinger, Fiderdance und Cadeau Noir. Der dressursport.kim-Gedankenaustausch mit dem Geschäftsführer des Gestüts Bonhomme, Robert Conredel, über Hengstankäufe, Management, Zuchtphilosophie, den “Hype der Hoffnung” und nachhaltigen Zuchtfortschritt…

Robert Conredel und Zukunftshoffnung Florida Keys (© Christiane Slawik)

dressursport.kim: Moritz (Treffinger) hat sich auf Platz 28 der Weltrangliste (WRL) katapultiert – mit den Hengsten Fiderdance (WRL 29) und Cadeau Noir (WRL 38). Was bedeutet das für Euch als Gestüt?
Robert Conredel: Das bedeutet für uns in erster Linie Bestätigung. Punkt eins: Der Hengstauswahl, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass Cadeau Noir zunächst nicht gekört und Fiderdance in einem Preissegment war, dass fernab von den Hunderttausenden, die sonst auf den Körungen gehandelt werden, lag. Wir haben beide Pferde zweieinhalbjährig gekauft, einfach weil sie als Sportpferde und Hengste in unseren Augen eine Perspektive hatten. Was bedeutet das? Dass eben nicht immer die gehypten Siegerhengste züchterisch und sportlich die Besten sind. Punkt zwei, bestätigt dies unsere Reiterauswahl. Ich war von Anfang an von Moritz‘ Talent überzeugt und habe sehr an seine Karriere geglaubt. Dennoch habe ich mir zunächst sehr viele kritische Stimmen angehört, die einen jungen Reiter ohne jegliche Grand Prix-Erfahrung für den Hengstberitt auf Bonhomme, insbesondere den der international siegreichen Grand Prix-Pferde, für völlig absurd hielten. Und drittens, das freut mich besonders, gibt es unserem Konzept der schonenden und nachhaltigen Ausbildung von Sportpferden, ohne den übermäßigen Einsatz in jungen Jahren, Recht.

dressursport.kim: Lass uns über die beiden Weltranglisten-Hengste züchterisch sprechen – Fiderdance…
Robert Conredel: Seitdem Fiderdance siebenjährig im Burgpokal gegangen ist, steht er nicht mehr im Frischsameneinsatz zur Verfügung. Für unsere eigenen Stuten nutzen wir ihn gerne, was wirklich Früchte getragen hat. Das gerade aussichtsreichste Nachwuchs-Grand Prix-Pferd von Moritz, mit dem er auch schon Inter A und Inter II gewonnen hat, ist beispielsweise eine Fiderdance-Tochter, Florida Keys. Und der S-Dressur siegreiche gekörte Prämienhengst Fidelity ist ein Fiderdance-Sohn.
Von Fiderdance stand immer TG-Sperma zur Verfügung, was die Leute in Deutschland, speziell in der Dressurpferdezucht, züchterisch leider immer noch abschreckt. In Belgien und Holland ist das gar kein Problem. Dadurch hat Fiderdance außer Haus leider wenig gedeckt, bei uns hat er aber eine Top-Quote. Seine Nachkommen sind hochtalentierte Reitpferde mit toller Leistungsbereitschaft, Ehrgeiz und viel Talent für das große Viereck.

Moritz und ‘Fidel’ Fiderdance
(© Christiane Slawik)

dressursport.kim: Ist der Plan, dass Fiderdance nach seiner sportlichen Karriere wieder ins Deckgeschäft einsteigt?
Robert Conredel: Ja, das kann man sich vorstellen, auf jeden Fall.

dressursport.kim: Bei Cadeau Noir ist alles ein bisschen anders …
Robert Conredel: Cadeau Noir war und ist immer im Frischsameneinsatz gewesen. Sport und Zucht parallel hat ihm zeitlebens nichts ausgemacht. Fiderdance hat es etwas ausgemacht. Wir suchen immer für das Pferd die beste Lösung. Fiderdance wäre für uns mit seiner Prominenz im Deckgeschäft sehr lukrativ gewesen, aber man muss klar erkennen, wenn beides zusammen nicht geht. Das kann man nicht pauschal sagen, das muss man von Hengst zu Hengst entscheiden.

dressursport.kim: Das bedeutet: Sport und Zucht ist nicht für alle Hengste das Richtige?
Robert Conredel: Züchterisch gesehen ist der Einsatz von Hengsten, die sich im Top-Sport bestätigt haben, heutzutage unabdingbar. In der Praxis jedoch muss ich entscheiden, ob mein Sporthengst mental gut damit zurechtkommt, parallel einen Job als Deckhengst zu erfüllen. Auch das ist eigentlich kein Problem. TG-Sperma ist ja da, aber der Kunde muss reagieren. Da wird man sich in Deutschland noch enorm umstellen müssen. Das ist eine Besonderheit in der Dressurpferdezucht, bei Springhengsten ist der Einsatz von älteren Hengsten im TG-Einsatz viel häufiger. Für diese Hengste ist seit Jahren absolut normal, dass sie im internationalen Top-Sport gehen, und deshalb logischerweise auch größtenteils nur über TG-Sperma zur Verfügung stehen. Das ist überhaupt keine Besonderheit. Das ist noch ein bisschen ein deutsches Dressurhengst-Nutzungsthema. Aber, ich bin sicher, dass wird sich ändern. Der Jungpferde-Siegerhengst-Hype hat in meinen Augen zu keinem erkennbaren Zuchtfortschritt geführt. Vielleicht sogar eher das Gegenteil erreicht, wenn man sich die doch stark gestiegene Gesundheitsproblematik bei Dressurpferden anschaut. Das heißt nicht, dass Junghengste nicht decken sollen und müssen, aber es gab doch in den vergangenen Jahren einige prominente Beispiele, welche mehrere hundert Nachkommen pro Jahrgang hatten, die aber im Sport nie wirklich angekommen sind. Die Vererber, die Grand Prix-Pferde hervorgebracht haben, waren in der Regel nicht die gehypten Siegerhengste.

dressursport.kim: Was also ist die Zuchtphilosophie des Gestüts Bonhomme?
Robert Conredel: Unsere Zuchtphilosophie ist: Junghengsten eine Chance geben, ja, aber den Einsatz von älteren Hengsten nicht vernachlässigen. Gerade, weil man bei den Älteren viel mehr Visibilität hat, in allen Belangen. Nehmen wir Fiderdance mit 17 Jahren und Cadeau Noir mit 16 – sie haben die sportlichen Anforderungen erfüllt, aber eben auch die gesundheitlichen Standards. Gesundheit ist das A und O. Ein lahmes Pferd kann noch so viel Grundqualität haben, wenn es physisch nicht leistungsfähig ist, gibt es keine sportliche Zukunft. In meinen Augen ist der langjährige Einsatz im Top-Sport die größte und vielleicht einzige aussagekräftige Evidenz für die gesundheitliche und mentale Leistungsfähigkeit eines Pferdes. Hat man dann noch die Möglichkeit anhand schon vorhandener Nachkommen Rückschlüsse auf die Vererbungssicherheit eines Hengstes zu treffen, ist das Informationsspektrum schon relativ breit. Nichtsdestotrotz muss ich auf Stutenseite ebenso kritisch selektieren und die gleichen Maßstäbe wie auf der Hengstseite ansetzen. Das halte ich für maßgeblich und das ist in der Springpferdezucht anders.

dressursport.kim: Woran liegt das?
Robert Conredel: Man hat in der Dressurpferdezucht jahrelang nicht für den Reitsport gezüchtet, sondern der Züchter wollte das vermarktbare Fohlen züchten und der Käufer dieses Fohlens hat für den Hengstmarkt gekauft, um einen möglichst hohen Wert des Pferdes zweieinhalbjährig auf der Körung zu erzielen. Der Hengstkäufer wiederum kauft den gehypten Hengst in erster Linie nicht, um einen nachhaltigen Zuchtfortschritt über Generationen zu erzielen, sondern um möglichst hohe Deckeinnahmen innerhalb der ersten zwei Jahren zu generieren. Die ersten Fohlen eines Dressursiegerhengstes lassen sich in der Regel wiederum gut verkaufen, da auch hier der Hype der Hoffnung des neuen Weltstars mitverkauft wird. Und so beißt sich die Katze in den Schwanz. All das passiert in einer Zeitspanne, in der völlig unabsehbar ist, ob dieses Pferd ein gutes leistungsbereites und langfristig gesundes Sportpferd und guter Vererber sein kann. Das ist in meinen Augen nicht nachhaltig, wenn es um das qualitätvolle Sportpferdezucht geht. Wenn wir einen Deckhengst kaufen, dann sehen wir da in erster Linie ein gesundes, entwicklungsfähiges Sportpferd. Wenn dieses Pferd dann auch noch einen interessanten Stamm und eine interessante Genetik hat, dann hat man beides. Aus dieser Perspektive treffen wir unsere Kaufentscheidungen und das sind dann eben nicht immer ganz spektakuläre Dreijährige. In der Springpferdezucht ist das anders. Der Fohlenkäufer hat nahezu keine Chance zu beurteilen, ob dieses Fohlen einmal ein Top-Springer wird. Neben Exterieur und Typ (der für ein erfolgreiches Springpferd keine Rolle spielt) bleibt nur das Vertrauen auf ein prominentes, sportgeprüftes Pedigree. Das ist natürlich auch keine Garantie, hält den Züchter aber schon an, sich eher für einen bewährten Hengst zu entscheiden. Mittlerweile ist in der Springpferdezucht, nicht zuletzt durch den vermehrten Einsatz moderner Fortpflanzungstechniken wie ICSI und OPU, der Einsatz sehr prominenter Sportstuten Gang und gebe.

dressursport.kim: Noch einmal zurück zu Moritz. Er ist seit zweieinhalb Jahren auf Gestüt Bonhomme. Er kam als 20-Jähriger ohne Grand Prix-Erfahrung, jetzt ist er Nummer 28 der Weltrangliste. Was hat Dich in dieser Zeit mit ihm verblüfft?
Robert Conredel: Verblüfft hat mich gar nichts. Es hat sich das erfüllt, was ich in der Sache gesehen habe. Und zwar hatte Moritz in erster Linie sehr viel Talent, in zweiter Linie sehr viel Gefühl und in dritter Linie das nötige Pflichtbewusstsein, die nötige Selbstreflexion und eine gesunde Einstellung dazu, wie er seine Karriere gestalten will. Er ist durchaus ehrgeizig, aber nicht verbissen. Das Pferd steht immer an erster Stelle. Das alles in Verbindung mit dem Bonhomme-Management, führt zu diesen Erfolgen. Fiderdance und Cadeau Noir sind zwei sehr unterschiedliche Pferdetypen, aber er hat mit Beiden Erfolg, weil er sich sehr gut umstellen und auf die Pferde einstellen kann und sich viele Gedanken um jedes einzelne Pferd macht. Mich freut es unheimlich für Moritz und unser ganzes Team, dass sich unsere Arbeit auszahlt.

U25-Kür-Europameister Cadeau Noir mit Moritz und Saskia und Robert Conredel
(©Andrea Rodriguez)

dressursport.kim: Was ist das nächste Ass im Ärmel, die erwähnte Fiderdance-Tochter?
Robert Conredel: Ja, auf jeden Fall. Das sind nicht unendlich viele Asse, weil wir auf den Markt reagiert haben. In der Vergangenheit haben wir mit circa 15 Stuten gezüchtet, jetzt noch mit vier und ganz selektiv kaufen wir dazu. Das ist etwas anderes, als wenn man 150 Pferde im Jahrgang hat. Unsere Pferde stehen ja auch zum Verkauf, junge, vielversprechende, die dann nicht mehr bei uns in den Sport wachsen. Und dann gibt es die etwas anderen, die in jungen Jahren ’durchs Raster‘ fallen. Florida Keys war in ihrer Machart ein etwas normaleres Pferd. In Dressurpferdeprüfungen hat sie immer rund um die Wertnote 7,5 gekriegt. Meine Reiter fragten oft, ob sie etwas anders machen sollten, weil das Pferd eigentlich viel besser sei. Ich habe sie beruhigt, dass sie gar nichts anderes machen sollen, dass das Pferd nur aufs Turnier gehen und Erfahrung sammeln soll, völlig unabhängig von der resultierenden Platzierung. Wir sind Kleine Tour mit ihr geritten und haben schnell gemerkt – und das stellt man häufiger fest – dass die guten Grand Prix-Pferde gar keine Lust auf die Kleine Tour haben. Florida Keys hat beispielsweise alles gemacht, aber keine Dreier-und Vierer-Wechsel. Viel cooler fand sie Zweier-und Einer. Also haben wir die Kleine Tour ‚geskippt‘ und in Ruhe weiter trainiert, bis wir Inter II reiten konnten. Piaffe und Passage sind bei Florida ein echtes Highlight. Sie ist, würde ich sagen, das aussichtsreichste Grand Prix-Nachwuchspferd, das Moritz aktuell hat.

dressursport.kim: Am 21. Februar ladet Ihr in diesem Jahr nicht zur Hengstschau, sondern Ihr habt Euch etwas anderes überlegt…
Robert Conredel: Genau. Wir können unsere Hengststation modular gestalten, das bedeutet, wir können entweder 20, 15 oder neun Boxen als EU-Station deklarieren. Dieses Jahr haben wir uns für acht Hengste entschieden. Die meisten davon gehen – bis auf einen vierjährigen Dressurhengst und einen fünfjährigen Springhengst – sehr regelmäßig auf internationale Turniere. Für eine Hengstvorführung ist das Lot mit acht Pferden zu klein. Außerdem ist es nicht notwendig, weil man die Hengste sowieso regelmäßig auf den Turnieren sieht und im Sport bewerten kann. Also haben wir uns überlegt: „Was können wir alternativ machen?“ Das Interesse, Gestüt Bonhomme von innen zu erleben, ist sehr groß. Deswegen wollen wir die Möglichkeit geben, uns mal aus der Sportperspektive zu betrachten. Wir beginnen mit einem Dressurlehrgang von Moritz, für den sich die Leute bewerben konnten, der war sehr schnell ausverkauft. Dann bieten wir eine Gestütsführung an, in der wir unser Haltungskonzept und unsere Zuchtphilosophie erläutern. Nachmittags demonstrieren wir in einer Art Masterclass unser Ausbildungskonzept auf Bonhomme in Dressur und Springen. Hierfür werden wir jeweils einen jungen und einen älteren, sporterfahrenen Hengst in der täglichen Arbeit präsentieren.

Der nächste geplante Start von Moritz und Fiderdance: Weltcup-Etappe Neumünster 12.-15. Februar.