Wie schnell, wie genau, wo genau?
Nachschlag zum Thema ‚Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen‘ im Grand Prix: Wie schnell, wie genau, wo genau?
Am 14. Oktober hat im Rahmen meines neuen Formats ‚Darf ich mal fragen?‘ der internationale 5*-Dressurrichter Christof Umbach seine Sicht der Dinge zu dieser im Grand Prix neu verlangten Lektion aufgezeigt (HIER). Seither sind noch einige Nachfragen aufgetaucht – das verlangte Tempo und die Stirn-Nasen-Linie des Pferdes betreffend, ebenso wie die genaue Einbettung der Lektion in den Grand Prix.
Noch einmal erklärt uns Experte Christof Umbach seine Gedanken.

Christof Umbach
Foto: © Petra Kerschbaum
• Von M bis R wird der versammelte Trab verlangt, ab R beginnt das ‚Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen‘, aber in welchem Tempo soll es geritten werden? Dazu ist in der Aufgabe keine genaue Angabe zu finden?
Christof Umbach: „Ich habe noch einmal genau nachgeguckt. Weder in den deutschen Richtlinien noch im Dressage-Handbuch der FEI steht etwas über ein vorgegebenes Tempo im Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen. Aber: Es ergibt sich aus der Logik der Sache. Zur Versammlung gehört immer eine relative Aufrichtung, die beim Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen nicht mehr gegeben sein kann, somit kann es nicht im versammelten Tempo geritten werden, auch wenn das in der Aufgabe nicht explizit drinsteht.
Ich denke, man sollte den Fokus auf die Kriterien legen, die wichtig sind: die Vorwärts-Abwärtsdehnung, was bedeutet, dass das Pferd den Hals zunehmend nach vorne und unten strecken sollte bis auf Höhe des Buggelenkes. In Deutschland spricht man von ‚mindestens bis‘ und international von ‚ungefähr bis‘ Höhe des Buggelenks. Das hängt auch vom Gebäude des Pferdes ab. Der eine hat den Hals tiefer angesetzt, der andere höher. Wichtig ist weiterhin, dass die Anlehnung erhalten bleibt, es eine elastische Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul besteht und die Zügel nicht durchhängen. Die Stirn-Nasen-Linie sollte eher vor als an der Senkrechten sein, aber das hängt auch ein bisschen vom Exterieur des Pferdes ab. Ganz wichtig ist, dass die Hinterhand weiter aktiv bleibt, energisch vorwärts und in Richtung des Schwerpunktes fußt und dass das Gleichgewicht erhalten bleibt, sprich Takt, Tempo und Balance.
Man muss als Richter ein Auge dafür haben, ob Dehnungsbereitschaft da ist. Ob das Pferd weiterhin durch den Körper arbeitet und ob die Verbindung von der Hinterhand durch den Körper, über den Rücken des Pferdes durch ein geschmeidiges Genick an die Reiterhand weiterhin gegeben ist. Wichtig ist auch, dass die natürliche Kadenz erhalten bleibt und sich das Pferd nicht verliert.“
• Explizit wurde noch einmal nachgefragt, ob die Stirn-Nasen-Linie zwingend vor der Senkrechten sein muss?
Christof Umbach: „In der deutschen Reitlehre wird es so beschrieben, dass die Stirn-Nasen-Linie eher vor als an der Senkrechten sein sollte, aber der Fokus sollte auch da nicht in Formalismus verfallen. Es gibt Pferde, die sich wirklich dehnen, die den Ganaschenwinkel öffnen und an die Hand heranziehen und dennoch vielleicht nur an der Senkrechten sind, abhängig auch vom Konstrukt oder vom Gebäude des Pferdes. Der eine hat ein etwas dickeres Genick, der andere ein feineres oder der Hals ist unterschiedlich angesetzt. Aus einer steileren Schulter hat man häufig einen höher angesetzten, aus einer sehr schrägen Schulter oft einen etwas flacher angesetzten Hals. Dementsprechend kann das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen unterschiedlich aussehen und trotzdem jeweils gut sein.
Wenn aber ein Pferd zum Beispiel nur den Hals fallen lässt, hinter das Gebiss kommt, sprich die Zügel durchhängen, und das Pferd hinter der Senkrechten bleibt, dann sind die Kriterien nicht erfüllt und das ist dementsprechend zu bewerten. Das kann unterschiedliche Ursachen haben: Entweder lässt der Reiter mit seiner Hand nicht genügend Dehnung zu oder das Pferd ist insgesamt nicht genügend vor den treibenden Hilfen und die Zügelhilfen, sprich die verhaltenen Hilfen, hatten Vorrang vor den treibenden Hilfen. Wichtig ist beim Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen die Dehnungsbereitschaft an die Hand heran. Ich nenne es gerne die längstmögliche Zügelverbindung unter Genickkontrolle, das Pferd geht dabei noch durchs Genick. Ein Pferd sollte eigentlich aus jeder Lektion heraus in der Lage sein, das zu machen.
Einen Punkt möchte ich noch erwähnen: Viele meiner Richterkollegen wünschen sich die Fußnoten zurück. Da lässt sich die FEI aber leider nicht drauf ein. Das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen zum Schluss der Prüfung kann nicht als Ausgleich für die Schlussnoten gelten, aber es ist ein zusätzlicher Aspekt. Ein Aspekt, um die Wertigkeit der Durchlässigkeit und Losgelassenheit noch mehr in den Vordergrund zu stellen. Der Gedanke ist: Durchlässigkeit, Harmonie und Losgelassenheit sind wichtiger als spektakuläre Bewegungen und spektakulärer Ausdruck. Im Umkehrschluss darf das aber nicht heißen, dass Qualität bestraft werden darf. Das ist ein Fingerspitzengefühl, das man als Richter haben muss.“
• Und noch eine letzte Nachfrage: Wie genau ist das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen in den Grand Prix eingebettet worden?
Christof Umbach: „Die Reiter haben eine Viertelzirkellinie Zeit, es zu entwickeln – ab dem Punkt R bis zum Durchreiten der Mittellinie. Dann haben sie eine halbe Zirkelrunde von Mittellinie bis Mittellinie, auf der man die Dehnungshaltung zeigen soll, und dann wiederum bis zu dem Punkt R noch einmal eine Viertelzirkellinie, auf der man die Zügel wieder aufnehmen kann. Das Ganze kann wahlweise im Aussitzen oder Leichttraben geritten werden. Und ab R geht es nach dem Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen weiter mit dem starken Trab, dann versammelter Trab und auf die Schlusslinie mit Passage und Piaffe.“
HIER geht’s zu der neuen Grand Prix-Aufgabe, die ab 1.1.2027 gilt.


