“Niemand kann sich zum Championat ‚hinschonen‘”

Ein intensives Gespräch mit Cheftrainerin Monica Theodorescu – über das ‘Wie’ zur WM nach Aachen, eine gewisse Leistungs- und Belastbarkeits-Kontinuität, die Bedeutung des Grand Prix und ob er langsam überarbeitet werden müsste…

Monica Theodorescu
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dressursport.kim: Du bist Bundestrainerin Dressur seit Oktober 2012. In dieser Zeit hat das deutsche Team zehn von 13 möglichen Mannschaftsmedaillen gewonnen, die Equipe ist amtierende Mannschafts-Europameisterin und -Olympiasiegerin, nicht aber Titelverteidiger bei den kommenden Weltmeisterschaften in Aachen…

Monica Theodorescu: Die WM in Aachen wird natürlich das Highlight des Jahres und das Ziel ist klar: Wir wollen uns die Goldmedaille zurückholen.

dressursport.kim: Wie sieht der Weg für die Reiter und Pferde zur WM nach Aachen aus?

Monica Theodorescu: Das erste Hauptziel ist die Deutsche Meisterschaft in Balve Anfang Juni, so wie in jedem Jahr.Bis zu den Deutschen Meisterschaften bestimmt jeder Reiter, in Absprache mit mir, seinen individuellen Trainings- und Turnierplan. Die Bedingungen in Balve sind sehr gut, da immer wieder Optimierungen durchgeführt wurden. Für die Kaderreiter und aufstrebende Kaderkandidaten ist der Start bei den Deutschen Meisterschaften Pflicht und damit ist eine sehr gute Vergleichbarkeit gewährleistet.

dressursport.kim: Individuell bis Balve heißt aber nicht, dass vorher gar keine Turniere geritten werden?

Monica Theodorescu: Nein, wir wollen natürlich eine gewisse Leistungs- und Belastbarkeits-Kontinuität erkennen – das ist auch so vom Verband vorgeschrieben. Niemand kann sich zum Championat ‚hinschonen‘, das bedeutet: Eine gewisse Belastbarkeit, was die Gesundheit und Fitness von Reiter und Pferd betrifft, muss belegbar gegeben sein. Jeder kann das auf dem Weg nach Balve selbst gestalten, so hat es sich in den vergangenen Jahren bewährt. Von diesem Weg und von der jeweiligen Turnierpräsenz hängt es dann auch ab, ob gegebenenfalls mal ein Paar, in Absprache mit dem Dressurausschuss, den Start in der Kür in Balve weglassen kann. Das kann man im Einzelfall besprechen, auch das hat sich so bewährt.

dressursport.kim: Aktuell sind fünf Reiter mit sieben Pferden im Olympiakader – wie würdest Du die Lage beschreiben? Kannst Du ‚aus dem Vollen schöpfen‘?

Monica Theodorescu: Zuerst einmal: die Kader (Championats- und Perspektivkader) sind keine geschlossene Gesellschaft. Es sind noch weitere Pferde in der Entwicklung und bei der Deutschen Meisterschaft werden wir dann sehen, wer aktuell ‚die Nase vorne‘ hat oder auf dem Weg dahin ist. Da sind wir breit aufgestellt, aber natürlich kann das nie breit genug sein. Da ist noch viel Luft nach oben – nicht nur in der Dichte, sondern auch in der Qualität. Überall ist noch Verbesserungspotenzial.

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dressursport.kim: Die WM im eigenen Land – was erhoffst Du Dir für den deutschen Dressursport?

Monica Theodorescu: Wir wollen, wenn möglich, den Mannschaftstitel wieder zurückholen. Vor vier Jahren in Herning waren wir Dritter. Wir haben uns in den letzten Jahren in der Mannschaftswertung wieder nach vorne gearbeitet, aber das darf man nicht als Polster betrachten. Es kommt auf die Tagesform an. Das haben wir in Paris 2024 und in Crozet 2025 gesehen und das wird auch weiterhin so sein. Die Konkurrenz ist da. Der volle Fokus liegt in diesem Jahr natürlich auf dem Grand Prix, da bei der WM in Aachen die Mannschaftsmedaille nur im Grand Prix entschieden wird. Wir müssen die Voraussetzungen schaffen, mit dem allerbesten Team an den Start zu gehen. Darum geht es ab jetzt Tag und Nacht (lacht).

dressursport.kim: Das bedeutet: Auch im Sichtungsprozess liegt das Hauptaugenmerk auf dem Grand Prix?

Monica Theodorescu: Ja, das ist eigentlich grundsätzlich der Fall, denn auch bei Europameisterschaften ist die entscheidende Prüfung für die Team-Medaille der Grand Prix. Bei Olympischen Spielen ist es der Grand Prix Spezial, aber auch da steht der Grand Prix vorne an. Der Grand Prix muss sitzen, sehr gut und fehlerfrei sein, darauf liegt der Fokus.

dressursport.kim: Die bestehende Grand Prix-Aufgabe wird schon seit 2009 geritten. Wäre es an der Zeit, diese Aufgabe zu überarbeiten?

Monica Theodorescu: Grundsätzlich kann man aus meiner Sicht in dieser Aufgabe nichts weglassen, den Grand Prix zu kürzen ist deshalb keine Option. Er war vor vielen Jahren noch viel länger und wurde immer mehr gekürzt, zwischendurch haben wir es auch mit einer noch kürzeren Aufgabe als heute versucht, aber das hat sich nicht bewährt. Die Abfolge der Lektionen war zu schnell und die Pferde hatten kaum mal eine kurze Seite, um geradeaus zu traben oder zu galoppieren. In dieser Kurz-Aufgabe kamen die Pferde nicht zum Strahlen und waren eher gestresster. Deshalb müssen wir aus meiner Sicht an der Länge und den Inhalten des aktuellen Grand Prix festhalten. Man braucht mehr als eine Piaffe im Grand Prix, die Trabtraversalen sind wertvoll, zwei Pirouetten, 15 Einerwechsel sind etwas anderes als 9 – das alles sind Kriterien des Grand Prix, daran sollte man nicht rütteln.

dressursport.kim: Wir beamen uns in den Dezember 2026 – was möchtest Du in zwölf Monaten vom Dressursport in Deutschland sagen können?

Monica Theodorescu: Wir sind schon auf dem Weg zu sehr gutem und harmonischem Reiten, aber dieser Weg ist nie zu Ende. Man muss aber auch wissen, dass nur das gut gymnastizierte und vertrauensvoll ausgebildete Pferd zu wirklich harmonischem Reiten führt – und das braucht Zeit. Die Priorität muss zu jeder Zeit auf dem Wohl der Pferde liegen, das heißt, eigene sportliche Interessen dürfen nicht über das Wohlergehen der Pferde hinausgehen. An diesem Grundsatz sollten alle Beteiligten, Reiter, Trainer, Pferdebesitzer, Tierärzte, Veranstalter, Medien usw. festhalten. Wir alle wollen das Pferd als Kulturgut erhalten, aber dann müssen wir uns auch damit auseinandersetzen und diese Kultur pflegen.