Das Weltcup-Paar aus ‚Bullerbü‘

Wir haben Bullerbü in Nottuln gefunden, eine Pferdefamilie über drei Generationen – auf der menschlichen und tierischen Seite – und eine Kieferorthopädin, die Brackets und Piaffen gleichermaßen detailverliebt behandelt.

(Für alle, die ‘Bullerbü’ nicht einordnen können: der Buchtipp – von Astrid Lindgren, “Die Kinder aus Bullerbü”)

„In dem Moment, in dem man diese Tür geöffnet hat, will man natürlich auch erfolgreich sein in dieser Tür.“ Diese ‚Tür‘ ist der Dressur-Weltcup, diese ‚Tür‘ sind Weltklasse-Turniere wie Stuttgart, Basel und jetzt ‘s-Hertogenbosch und diese beiden sind erfolgreich: Dr. Svenja Kämper-Meyer und ihre Amanyara M FRH.

Amanyara M FRH und Svenja Kämper-Meyer
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Dr. Svenja Kämper-Meyer ist Grand Prix-Ausbilderin und Reiterin. Sie ist Kieferorthopädin mit zwei Praxen in Dülmen und Billerbeck, Mutter zweier Kinder und genießt gerade sehr bewusst. Zudem hat sie ein wunderbares Problem…

„Dieses Pferd begeistert mich immer wieder in der täglichen Arbeit und alles, was wir auf den Weltcup-Turnieren erleben dürfen, das kommt on top dazu – jeder Moment“, erzählt Svenja am Rande eines Weltcup-Turniers. Dieses Pferd, das diese Tür geöffnet hat und für die ‚on top-Momente‘ sorgt, ist Amanyara M FRH. Das ‚M‘ hinter dem Namen steht für den Züchter: Hans-Jürgen Meyer, Svenjas Vater. So kommt es, dass Svenja Amanyara seit dem ersten Tag kennt, sie selbst angeritten und ausgebildet hat bis hin zum Weltcup-Niveau. „Das ist definitiv ein Traum, den ich gerade erleben darf.“ Seit mehr als 20 Jahren sitzt Svenja nur noch auf selbstgezogenen Pferden. „Das hat sich so ergeben“, erzählt sie. „Ich komme ganz klassisch aus dem Ponysport und bin über die Junioren und Junge Reiter-Tour in den Sport gewachsen. Wir haben auch damals schon selbst gezüchtet, aber da haben wir auch noch mal ein Pony oder Pferd gekauft. Und dann habe ich ein Pferd als Junge Reiterin gehabt, die Zuchtstute bei uns war, Momo. Sie war mein erstes selbstausgebildetes Pferd.“ Nach der Jungen Reiter-Zeit hätten sie einfach mal ausprobiert, ob sie vielleicht auch piaffiert. Das hat geklappt. „Sie war sehr schwierig und ist spät in den Sport gekommen, aber mit ihr bin ich dann im Piaff-Förderpreis mitgeritten. Sie hat mir den Weg in den Grand Prix geöffnet.“

Dalia, Ampere und das Freisprung-Geschenk

Sechs Pferde hat Svenja inzwischen bis zur Grand Prix-Reife selbst ausgebildet, drei davon Selbstgezogene: Rania, die auch schon im Louisdor-Finale dabei war und dann im internationalen Grand Prix-Sport ging. Inzwischen hat sie ihr drittes Fohlen bekommen. Reatino M, ein Vollbruder zu Rania, der im nationalen Grand Prix-Sport gepunktet hat. Und Amanyara M, die Weltcup-Partnerin. Amanyara ist eine Tochter des Ampere. „Das ist eine ganz lustige Geschichte“, schmunzelt Svenja. „Freunden von uns aus den USA gehört Ampere, sie haben uns einen Freisprung von dem Hengst geschenkt und heraus kam Amanyara.“ Die Mutter von Amanyara war die Davignon-Tochter Dalia, auch sie entstammte schon der familieneigenen Zucht. „Genau, und aus dieser Linie haben wir noch eine Halbschwester zu Amanyara, Surabaya M, die mit meiner Schwester Carde im Grand Prix-Sport erfolgreich war.“ Dalia habe insgesamt sehr rittige Pferde hervorgebracht, aber dass Amanyara etwas ganz Besonderes sei, habe man von Anfang an bemerkt. „Sie hatte von vorneherein sehr viel Einstellung und ich hatte selten ein Pferd, dem dieser Ausbildungsweg so leichtgefallen ist.“ Schon achtjährig sei sie Inter II gegangen. „Zwar mit Bocken nach dem fliegenden Galoppwechsel auf der Diagonalen“, lacht Svenja, „aber ich kam aus dieser Prüfung und wusste: Das ist ein Grand Prix-Pferd. Es war so, als ob sie nur auf diesen Sport gewartet hätte.“

“Diese Stärke nimmt man mit!”

Svenja trainiert mit ihren Eltern Dr. Irina und Hans-Jürgen Meyer und ihrer Schwester Carde. Beide Eltern sind Träger des Goldenen Reitabzeichen, Mutter Irina war ebenfalls im Grand Prix-Sport erfolgreich. „Das tägliche Training hat meist meine Mutter übernommen, einfach weil mein Vater nicht so viel zu Hause war und weil es funktioniert hat (lacht). Das ist ja nicht selbstverständlich.“ Die Mutter habe sowohl ihr, als auch ihrer Schwester den Weg ins Grand Prix-Viereck geebnet. „Und sie hat uns stark gemacht, auch für Championate.“ Zweimal gehörte Svenja zum Goldteam der deutschen Ponyreiter, viermal war Carde bei Europameisterschaften dabei, davon dreimal mit den Ponyreitern und einmal mit den Junioren. „Diese Stärke nimmt man mit, egal, was man machen wird im Leben. Das hat mich geprägt und macht mich auch heute noch stark, sowohl beruflich als auch sportlich.“

Amanyara mit Morten Thomsen und Svenja Kämper-Meyer
Foto:©privat

Seit mehr als 15 Jahren kommt zudem der dänische Dressurausbilder Morten Thomsen zu den Meyers und hilft etwa einmal im Monat im Training. „Ich reite aktuell fünf oder sechs Pferde am Tag, die ich dann bei ihm reite. Mein Verständnis für den Grand Prix-Sport und für die Ausbildung eines Grand Prix-Pferdes hat Morten Thomsen geebnet.“ Seit einigen Jahren fährt Svenja außerdem regelmäßig nach Warendorf und trainiert dort mit Cheftrainerin Monica Theodorescu.

Pferde sind Familiensache

Die Pferde sind Familiensache, alles andere auch. „Meine Eltern und meine Schwester halten mir den Rücken frei. Seit 2019 haben wir zwei Praxen, die erste habe ich vor mehr als zehn Jahren von meiner Mutter übernommen, die auch immer noch zwei halbe Tage bei uns mitarbeitet, was mich unglaublich freut. Und der Opa, mein Vater, kümmert sich ganz viel um seine Enkelkinder, meine Kinder.“ Es klingt ein bisschen wie bei den Waltons – wem die Serie noch ein Begriff ist. Die ganze Großfamilie Meyer wohnt mit den Pferden auf einem Hof in Nottuln: Die Eltern Irina und Hans-Jürgen, die Töchter Svenja und Carde mit ihren Ehemännern und je zwei Kindern. „Es ist ein bisschen wie Bullerbü“, lacht Svenja. „Ein generationsübergreifendes Projekt, das ist ganz toll, aber natürlich kochen wir im Alltäglichen auch nur mit Wasser“, erklärt sie und lacht noch mehr. Zehn bis zwölf Reitpferde gehören immer zur Familie, inzwischen auch drei Ponys für den Nachwuchs, und zwei, drei Stuten, mit denen gezüchtet wird. Das Anreiten der Youngster teilen sich die Geschwister Carde und Svenja ebenso auf wie die weitere Ausbildung.

„Durch dieses komplette Familien-Konzept klappt das auch so mit dem Turniersport, dass ich zu Hause weg kann, und auf den Turnieren schaffe ich das mit einem Pferd gut alleine, ich habe nie einen Pfleger dabei. Letzten Endes, das muss man klar sagen, funktioniert das nur, weil wir alle von Pferden begeistert sind.“

Svenja auf Amanyara, Sohn Julius auf Winnetou – Familienfreude!
Foto: © privat

Mit Begeisterung dabei sind auch schon Svenjas Kinder, Carla (6) und Julius (9), beide bereits stolze Ponybesitzer, die den Umgang mit den Vierbeinern lieben. „Gerade Julius ist auch total begeistert vom Dressursport. Er ist schon fünf- und sechsjährig sehr gerne mit mir zu den Turnieren gefahren und fiebert immer total mit.“ Julius durfte auch schon Topstute Amanyara an der Longe traben. „Bei den Kindern zuzugucken macht mir auch ganz viel Spaß“, strahlt die Mutter.

Ein ‚Problem‘ hat Svenja: „Mein Tag hat leider auch nur 24 Stunden und ich mache einfach zu viele Dinge gerne“, schmunzelt sie. „Ich reite morgen zwei bis drei Pferde, bin dann um 10.00 Uhr in der Praxis, komme gegen 18.00 Uhr wieder und habe ich immer noch ein paar Schüler, die ich im Unterricht betreue, und im Kreis Warendorf gebe ich im Winter schon seit meiner Studienzeit Lehrgänge.“ Die ganze Familie sei von Pferden gefesselt, aber auch ihr Beruf mache ihr sehr viel Spaß. „Und er ermöglicht mir natürlich auch letzten Ende diesen Sport. Mein Vater hat irgendwann mal gesagt: ‚Wir können es uns vielleicht nicht erlauben, ein fertiges Grand Prix-Pferd zu kaufen, aber wir können es uns erlauben, es zu behalten. Das ist unser Credo.‘“ Die Anfrage, ob Amanyara zu verkaufen sei, käme regelmäßig, aber das steht nicht zur Debatte.

Das Bewusstsein, welche besondere Zeit sie gerade erlebt, prägt Svenjas Motto: „Ich habe mir ganz fest vorgenommen, dass ich jetzt jeden Moment mit Amanyara auf diesen tollen Turnieren genießen werde und nicht traurig bin, wenn es irgendwann vorbei ist.“ Denn auch danach geht das ‚Pferdeleben in Nottulns Bullbü‘ weiter.

Der nächste Start von Svenja und Amanyara: Weltcup-Etappe ‘s-Hertogenbosch 12.-15. März.