Das Motto: Austausch, Austausch, Austausch!

Weltweit gibt es 44 von ihrer ‚Sorte‘ – 44 Dressurrichter Level 4, das ist das höchste Level, das man als Richter erreichen kann. Level-4-Richter sind die, die bei Championaten und Olympischen Spielen die Wertnoten vergeben.

Einmal im Jahr treffen sich diese höchsten Dressur-Juroren in persona zu ihrer Jahrestagung, um Gedanken auszutauschen, eventuelle Änderungen anzusprechen und über die Bewertung komplexer Lektionen zu diskutieren. Dieses Jahr traf sich die Gruppe der welthöchsten Dressurrichter in Wien.

„Es waren wieder fast alle da“, erklärt Katrina Wüst. „Die Teilnahme ist immer sehr hoch. Dieser Austausch ist einfach allen Richtern sehr wichtig.“ Drei Richter und damit alle australischen Level-4-Richter sind aus Australien angereist, zwei aus Kanada und natürlich waren auch alle sechs Level-4-Richter aus Deutschland vor Ort: Katrina Wüst, Ulrike Nivelle, Elke Ebert, Dr. Evi Eisenhardt, Peter Holler und Henning Lehrmann. In keinem anderen Land können so viele Level-4-Richter notiert werden wie in Deutschland. Großbritannien kann mit fünf Level-4-Richtern aufwarten, Frankreich, Dänemark und die Niederlande mit je vier.

Katrina Wüst – hier mit Kollege Christof Umbach (LUX).
Foto: ©EQWO, Petra Kerschbaum

Los ging es mit einer Präsentation in der Wiener Hofreitschule. Die Ausbildung vom Youngster bis hin zu den Schulen über der Erde mit Levade und Courbette wurden demonstriert. Dann wurde zwei Tage intensiv getagt. Der dänische Richter Hans-Christian Matthiesen referierte zum Thema ‚Bias‘. Ein vielschichtiges Thema, von dem sich kein Mensch freisprechen kann. Es geht um Verzerrung und Voreingenommenheit, menschliche Aspekte, die bei der Bewertung von Dressurprüfungen eine Rolle spielen können. Ein hochinteressantes Thema!

Richterkollegen Henning Lehrmann, Dr. Evi Eisenhardt und Christof Umbach (LUX).
Foto: © EQWO, Petra Kerschbaum

Katrina Wüst hat einen Vortrag zu den neuen angedachten Aufgaben gehalten. „Da ist einiges in der Pipeline ist, aber noch ist nichts abgesegnet“, erzählt sie, kann aber noch nichts Genaueres verraten.

Zu dem jährlichen Meeting gehört immer auch das Besprechen einzelner Lektionen anhand von Videosequenzen. Besonders dem Thema Piaffen wurde sich in diesem Jahr gewidmet: „Ich habe verschiedene Arten von Piaffen gezeigt“, fährt Wüst fort, „von Piaffen, die fast im Vier-Takt gezeigt wurden, bei denen also keine diagonale Fußfolge mehr vorhanden war. Piaffen, bei denen die Pferde mit den Beinen kreuzten oder hinten einen Doppelschlag hatten, bis hin zu richtig guten Piaffen.“ Außerdem hatte Wüst eine Auswertung von IT-Experte Daniel Göhlen erbeten. „Daniel hat seit drei Jahren in Aachen per digitalem Tracking ausgemessen, wie viel Vorwärtsraum in den Piaffen tatsächlich genutzt wird. Das ist mehr, als man denkt. Wir haben darüber geredet, dass man mehr Toleranz bei den Piaffen zulassen muss und nicht so darauf bestehen darf, dass sie innerhalb von 30 Zentimetern präsentiert werden, weil man sonst eventuell das ‚Rückwärtsreiten‘ fördert.“

IT-Experte Daniel Göhlen und Dr. Evi Eisenhardt.
Foto: © EQWO, Petra Kerschbaum

Matthiesen ist Vorsitzender des International Dressage Officials Club (IDOC) und hatte im Rahmen der Richter-Jahrestagung die IDOC-Mitglieder eingeladen, sich online in einem gewissen Zeitrahmen dazuzuschalten, um auch aus ihrer Sicht verschiedene Gedanken auszutauschen. Ebenso nahmen der International Dressage Riders Club (IDRC) und der International Dressage Trainers Club (IDTC) die Gelegenheit wahr, sich zu einem Online-Meeting zu dem Richtertreffen dazuzuschalten.

Das Motto: Austausch, Austausch, Austausch!

Am Ende jeder Jahrestagung machen alle Teilnehmer ein Examen – das ist schon Tradition. Es werden Videos von etwa 20 Lektionen gezeigt, Ausschnitte aus Prüfungen. Jeder Richter hat seinen Bewertungszugang in einem speziellen Computersystem und vergibt Noten. Wenn eine Note mehr als 1,5 Punkte von der als richtig angesehenen Bewertung abweicht, wird darüber gesprochen.

Ein bisschen wie in der Schule: Das Examen am Abschluss des Jahresmeetings. Foto: © EQWO, Petra Kerschbaum

Ulrike Nivelle (oben) und Elke Ebert (unten) – mit Richterkollegen.
Fotos: © EQWO, Petra Kerschbaum

Heutzutage geschieht Vieles online, vor allen Dingen, wenn Menschen aus allen Ecken der Welt involviert sind. Trotzdem halten die Level-4-Richter an ihrer Jahrestagung in persona fest – warum? „Der Benefit ist, dass man wirklich schwierige Lektionen bespricht. Dass man sich auch mit Kollegen austauscht, die vielleicht nicht die Möglichkeit haben, sehr regelmäßig Dressurprüfungen auf höchstem Niveau zu richten. Und dass man über Grundsätzliches, aber auch über neue Ideen spricht. Wir alle schätzen diese persönliche Begegnung in jedem Jahr sehr“, resümiert Katrina Wüst.

Bis zum nächsten Jahrestreffen! Foto: © EQWO, Petra Kerschbaum