„Auch ein Pferd darf Emotionen zeigen“

Gedanken zum Jahresbeginn – mit Co-Bundestrainer Hendrik Lochthowe

Die Frage: Was hältst Du im kommenden Jahr für besonders wichtig? Was gefällt Dir an der aktuellen Situation im Dressursport nicht?

Hendrik Lochthowe

Hendrik Lochthowe:

Was mir überhaupt nicht gefällt ist, sind die sozialen Medien, in denen die Hater und Hasskommentare dermaßen überhandnehmen.

Das ist nicht mehr im Gleichgewicht zu dem, was wir machen.

Es gibt so viele positive Dinge zu sehen. Dinge, die verbessert werden, an denen wir alle, Reiter und Trainer, arbeiten. Daran, dass das Miteinander mit dem Pferd im Turniersport noch harmonischer wird, noch besser wird. Das Positive würde ich gerne mal mehr hervorrufen. Was ist eigentlich das Schöne an unserem Reitsport? Was begeistert uns alle an dem, was wir tun? Wenn ich mich beispielsweise an das Turnier gerade in Frankfurt erinnere und die ganzen Menschenmengen, die da waren, weil sie die Pferde lieben und weil sie den Reitsport lieben. Und das wollen wir wieder mehr hervorbringen: Das Schöne an dem Reitsport sehen! Das ist wichtig.

Immer ansprechbar

Natürlich müssen wir alle für Kritik offen sein, aber es muss alles in einem Rahmen bleiben und es muss mit Respekt zugehen. Mir fehlt der nötige Respekt in den sozialen Medien total. Ich bin für jeden auf jedem Turnier ansprechbar. Man kann mich immer direkt ansprechen und fragen, als Reiter und als Trainer, aber das passiert leider nicht.

Für die Reiter ist das schon teilweise ein sehr beklemmendes Gefühl. Stimmt alles? Passt alles? Mache ich alles richtig und, und, und. Das ist nicht schön. Man wird ja permanent gefilmt und es kann immer eine angespannte Situation geben. Ein Pferd hat Emotionen und Emotionen stecken in jeder Turnieratmosphäre. Kommt man vom Abreiteplatz ins Viereck kann man sich mal erschrecken oder unsicher sein. Ich zeige dann auch Emotionen. Ein Pferd darf die auch zeigen und mal kurz die Ohren nach hinten machen. Das ist auch nicht schlimm, wenn man richtig damit umgeht. Ich will nichts schönreden, wir wollen kein Cleanwashing. Es gibt natürlich Punkte, an die man rangehen muss; dass das Reiten noch weiter verbessert wird, dass Reiter ihren Pferden in Stresssituationen Ruhe geben. Viele machen das, einige müssen wir noch mehr auf den Weg bringen, dass sie noch mehr aufs Pferd eingehen. Aber wir sind doch auf einem sehr guten Weg.

Alle für die Basis

Ich glaube, wir sind alle der Meinung, dass der Basissport mehr gefördert werden muss, weil die Basis uns wirklich wegbricht. Ich könnte gut mit der Idee leben, dass jeder Kaderreiter dazu angehalten wird, einmal im Monat an der Basis Unterricht zu geben. Finde ich absolut gut. Als Berufsreiter – ich bin ja auch Pferdewirtschaftsmeister – bin ich total für Basisarbeit. Da müssen wir ansetzen, das Vereinssterben ist da. Wir müssen unseren Sport wieder attraktiver machen.

Ich habe immer auch Unterricht an der Basis gegeben. Seit fünf Monaten bin ich jetzt Co-Bundestrainer. Das heißt aber nicht, dass ich mich nur um die Elite kümmere. Ich bin auch weiterhin selbstständiger Trainer. Ich habe unheimlich viel Spaß daran, jemandem zu helfen, der zu mir kommt und sagt: ‚Ich möchte in der kommenden Saison eine Schleife abbekommen.‘ Dann haben wir ein Ziel und das muss längst nicht immer auf oberstem Niveau sein. Ich gebe auch einer Reitlehrerin von meinem Reitverein Unterricht. Ich fördere sie in ihrem Reiten und sie macht den Schulunterricht. Etwas in der Art können wir alle tun. Jeder kann seinen Beitrag für die Basis leisten.