„Wir müssen es doch besser wissen!“

“Unser Sport ist etwas Besonderes – und genau das sollten wir auch nach außen sichtbar machen.” Spätestens mit diesem Satz hat mich Carlotta Steinbach ‘gekriegt’! So aus der Seele gesprochen.

Eine Frau mit klaren Worten und Vorstellungen: Carlotta Steinbach (Foto: © Marlene Stöckl Fotografie)

Deswegen gucken wir heute hier bei dressursport.kim über den Dressur-Tellerrand hinaus auf den ganzen großen Pferdesport-Teller. Seit vielen Jahren darf ich eine monatliche Kolumne im Pferdesport Journal schreiben, aktuell im Interview-Format. Mein letzter Interviewgast war Carlotta Steinbach. Was Sie zu sagen hat, hat mich verblüfft, auch frustriert, aber vor allem weiter angespornt. Gedanken, die absolut jeden Pferdesportler angehen…

Mit Dank an das Pferdesport Journal – das Interview mit Carlotta Steinbach:

• Sie sind Tierschutzbeauftragte des Pferdesportverbandes – was erleben Sie in Ihrem Alltag?

Carlotta Steinbach: Es kommt doch immer wieder vor, dass Pferde schlecht be- oder sogar misshandelt werden. Beispielsweise werden sie, nachdem der Reiter runtergefallen ist, bestraft. Dinge, von denen man weiß, dass man sie auf keinen Fall machen darf. Natürlich fragt man sich: Warum machen die Leute das? Warum lassen sie sich zu diesen Handlungen hinreißen? Warum gehen manche Reiter nicht reflektierter mit ihren Pferden um? Ich bin jetzt seit zweieinhalb Jahren Tierschutzbeauftragte und wenn ich die Sammlung der Fälle innerhalb dieser Zeit betrachte, bin ich doch etwas frustriert. Und wir reden nicht nur von Vorfällen in den höheren Klassen. Wir hatten zum Beispiel Ponys, die auf WBO-Turnieren zu jung waren, um in den Prüfungen gestartet zu werden und dennoch eingesetzt wurden. Ob aus Unwissenheit oder absichtlich, man fragt sich immer wieder, warum Pferdesportler so etwas machen. Vor 30 Jahren hat das vielleicht noch niemanden interessiert, aber inzwischen wissen wir mehr und der Sport ist so in der kritischen Betrachtung der Öffentlichkeit – warum machen wir unseren Sport von innen heraus so schlecht? Wir müssen es als Pferdesportler doch eigentlich besser wissen.

• Wo liegt nach Ihrer Erfahrung die Hauptursache im Fehlverhalten? In der Unwissenheit? Oder aus Emotionalität heraus?

Carlotta Steinbach: Ich glaube aus der Emotionalität. Es kann sich keiner davon freisprechen, aus Frust oder Ärger oder einer anderen extremen Emotion nicht auch zur Übersprungshandlung zu tendieren. Man fährt aufs Turnier, weil man gewisse Erwartungen hat, aber wenn die enttäuscht werden, muss jeder Pferdesportler lernen, dass man die auf keinen Fall am Pferd auslassen darf.

Man muss natürlich auch immer wieder an die Turnierfachleute appellieren. Wenn etwas auffällig ist, muss man es aktiv ansprechen. Das fällt vielen nicht einfach, aber das ist wichtig. Auf den Turnieren haben wir diese Möglichkeit. Was zu Hause passiert, können wir ohnehin nur sehr bedingt beeinflussen.

• Was können Sie überhaupt tun, auch von Seite des Landesverbandes, um die Situation weiter zu verbessern?

Carlotta Steinbach: Im Grunde geht es viel um Aufklärung, Ausbildung der Trainer und der Pferdesportler. Aber ein Grundproblem ist, dass unser System immer zu langsam ist. Wir können immer nur reagieren. Natürlich versucht man durch Aufklärung vorzubeugen, das versuchen alle Landesverbände und auch die FN. Gutes Reiten wird beispielsweise mit Tierschutzpreisen ausgezeichnet. Aber schlussendlich können wir auf den Turnieren nur reagieren, wenn schon etwas schiefgelaufen ist. Und damit erreichen wir nur die Leute, die sich auf Turnieren zeigen. Es liegt leider auch in der Amateurausbildung und im Freizeitbereich einiges im Argen. Ich denke, da fehlt oft der Sinn für gutes und pferdegerechtes Ausbilden. Das fängt schon damit an, dass in vielen Vereinen gar keine festen Ausbilder sind. Der Reitlehrer, der den Jugendlichen begleitet und beim ersten Pferdekauf berät. Heute kauft man – etwas überzogen – ein dreijähriges Pferd für das sechsjährige Kind, damit sie zusammen großwerden. Und weil man schon drei Bücher gelesen hat, braucht man sich vom Reitlehrer nichts mehr sagen zu lassen. Es fehlt die solide Basisausbildung und damit das Verständnis für die Pferde. Gute Ausbilder vermitteln auch, dass eine gewisse Frusttoleranz im Reitsport, wie natürlich auch in allen anderen Bereichen des Lebens, dazugehört.

Ich habe außerdem den Eindruck, dass viele Eltern versuchen, ihren Kindern möglichst alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Ein Trainer hat das mal sehr schön formuliert: „Früher hatten wir Helikopter-Eltern, jetzt haben wir die Rasenmäher-Eltern, die alles für die Kinder planieren, damit sie keine Hindernisse auf ihrem Weg mehr überwinden müssen.“ Deswegen können Kinder mit Rückschlägen teilweise sehr schlecht umgehen. Aber das muss man lernen, um nicht den Frust am Pferd auszulassen.

• Wenn Sie einen Wunsch für die kommende Saison freihätten, wie würde der lauten?

Carlotta Steinbach: Dass unsere Reiter reflektiert und verantwortungsbewusst mit ihren Pferden umgehen und ihren Sportpartnern stets mit Respekt begegnen. Und dass sich auch Reiter untereinander gezielt ansprechen, wenn sie sehen, dass sich jemand seinem Pferd gegenüber nicht gut verhält. Es muss nicht immer ein Richter oder Offizieller sein, man kann auch kollegial untereinander kommunizieren – im Miteinander, nicht gegeneinander. Unser Sport ist etwas Besonderes – und genau das sollten wir auch nach außen sichtbar machen.

Zur Person:

Carlotta Steinbach ist alles in einer Person: zweimalige Deutsche Meisterin der Ponyspringreiter, Siege bis zur Klasse S Springen, Pferdewirtin mit Stensbeck-Auszeichnung, Tierärztin mit Schwerpunkt Pferdemedizin, Mannschafts-Tierärztin der U21-Springreiter, Vorsitzende der Landeskommission Rheinland-Pfalz und stellvertretende Vorsitzende und Tierschutzbeauftragte des Pferdesportverbandes Rheinland-Pfalz.